„Dann putzt doch keiner mehr…“

Warum gesellschaftliche Transformationen nicht am Wischmob scheitern müssen oder Putzen geht auch mit Grundeinkommen

SchreibtischDie Sache mit dem Putzen war ja schon immer ein Totschlag-Argument, wenn es um gesellschaftliche Veränderungsprozesse und Visionen ging. Solange die Frage nach dem Putzen nicht geklärt ist, scheint es aussichtslos Transformationsprozesse anzuschieben. Bei jeder Debatte um die Einführung eines Grundeinkommens stellt mindestens eine Frau die Putzfrage. Mittlerweile stimmen auch die durch die Frauenbewegung gut erzogenen Männer in den „Wer-macht-denn-dann-die-Drecksarbeit?“ – Gesang ein. Vor allem Akademiker scheinen sich nicht vorstellen zu können, dass jemand freiwillig und ohne Zwang putzt, Müll entsorgt, die Straße fegt, am Fließband steht. Das war schon in den 60ziger Jahren so: Ältere Zeitgenossen erinnern sich sicher noch an die Aufmärsche linker Studenten vor den Fabriktoren, die die Arbeiter durch Flugblätter und viel akademischen Imperialismus-Sprech davon überzeugen wollten, die Arbeit niederzulegen und sich zu befreien. In den 80zigern saß ich oft im Buchladen von Freunden und wir diskutieren hitzig über die Weltrevolution, Literatur, Kunst, die aktuelle politische Situation, bis dann irgendwann die Freundin meines Kumpels, die sich an der Diskussion nicht beteiligt hatte, den Besen schwenkend vor uns stand und fragte: „Und wer putzt?“ In der „Kommune I“ sollen die Frauen irgendwann mal das ganze Geschirr weggeschmissen und nur noch für jeden einen Becher, einen Teller und ein Besteck übrig gelassen haben. Jeder war ab diesen Zeitpunkt für sein Geschirr selbstverantwortlich.

Das Putzen scheint auf den ersten Blick nicht wirklich zur Lieblingsbeschäftigung zu zählen. Auch ich hasse es zu putzen. Und seit ich erwachsen bin, putze ich auch nur selten. Zu dieser Haltung gehört eine gewisse Schmutz-Resistenz, die man sich aneignen kann. Ich sehe den Dreck einfach nicht. Er stört mich nicht. Ich finde, es gibt Wichtigeres auf der Welt als zu putzen. Nun sehen das nicht alle Menschen so – müssen sie auch nicht. Vor allem viele Frauen glauben für Sauberkeit im Haushalt und in der Nation zuständig zu sein. Deshalb müssen sie auch ständig mahnen, denn würden sie es nicht tun, würde die Welt unweigerlich im Dreck versinken. Welcher Junge, welches Mädchen hat es nicht erlebt, dass Mama putzte und mahnte und schimpfte – sie war es, die uns jeden Tag erneut aufforderte unsere Zimmer in Ordnung zu halten, den Müll runterzubringen, auch mal beim Abwasch zu helfen … In all den Generationen wird wohl kaum ein  Junge den Mahnungen freiwillig ohne lauten Protest gefolgt sein, falls er sich nicht sowieso kategorisch total verweigerte. Die meisten Mädchen dagegen fanden irgendwann den Weg zu Mob, Schrubber und Kochtopf. So als wäre es selbstverständlich, dass bald auch auf ihren Schultern, die schwere Last der Sauberkeitsverantwortung lasten würde. Selbst in den privaten Medien wird vor der Putzfrage nicht Halt gemacht: In der RTL-Soap „Frauentausch“, in der zwei Mütter die Familien für einen kurzen Zeitraum tauschen, inspizieren beide Frauen die fremde Wohnung sofort auf den Drecklevel hin – der spätestens beim gemeinsamen Abschlusstreffen Thema wird. Putzen scheint neben Sex das Thema Nummer 2 zu sein, das die Köpfe bewegt.

Aber was ist wirklich dran am Thema „Putzen“? Warum glauben wir, dass die Welt, ohne den Zwang zu putzen, in sich zusammenbrechen würde? Stimmt es eigentlich, dass die meisten Menschen das Putzen als lästige Beschäftigung empfinden? Ist es wahr, dass bei Einführung eines Grundeinkommens tatsächlich niemand mehr den Wischmob schwingen würde? Warum hassen wir das Putzen eigentlich so? Oder steckt vielleicht eine heimliche Liebe dahinter?

Eine gesellschaftliche Transformation kann nur durch die radikale Infragestellung unserer gewohnten Annahmen geschehen

Gesellschaftliche Transformationsprozesse werden nur gelingen, wenn wir den Mut haben Selbstverständliches in Frage zu stellen. Als der erste große geschichtliche Transformationsprozess im 16. Jahrhunderts begann, der nach 2000 jähriger Herrschaft das aristotelische Weltbild durch das heliozentrische ablösen sollte, stellte ein kluger Denker jener Zeit die einfache Frage: „Was ist wahr?“ René Descartes zweifelte an allen Erscheinungen seiner Welt und kam schließlich zu der Antwort: „Ich denke, also bin ich“ – als die erste und einzige Wahrheit, der wir uns sicher sein können: Die Sicherheit darüber, dass wir existieren und die Sicherheit über den Vorgang des Denkens. Heute befinden wir uns in einem ähnlichen Übergang – den von einer wachstumsorientierten, Ressourcen verschwendenden Überflussgesellschaft hin zu einer Postwachstums-, am Menschen orientierten Sinngesellschaft. Vom mechanistischen Weltbild eines Isaac Newton und René Descartes hin zu einer systemischen Welt, die auf den Erkenntnissen der Quantenphysik basiert. In einem Übergang vom Holozän zum Anthropozän – einem Erdzeitalter, in dem der Mensch die Natur formt und beeinflusst.

Wenn wir an diesem großen Transformationsprozess aktiv mitwirken wollen, dann müssen wir anfangen angenommene und für selbstverständlich gehaltene Wertvorstellungen, Sinnzusammenhänge, Annahmen über die Welt denkend zu überprüfen. Nur so werden wir in der Lage sein, einen tiefgreifenden Veränderungsprozess anzuschieben – „mentale Infrastrukturen“ und die „tiefe Industrialisierung“ (Harald Welzer) aufzubrechen und zu verändern. Und dieser Prozess beginnt immer erst einmal bei uns selbst – im Kopf – und setzt sich im besten Fall fort in eine veränderte Wahrnehmung der Welt, einer veränderten Haltung ihr gegenüber, aus dem schließlich eine veränderte Handlung resultiert. Wir sollten es uns angewöhnen den Selbstverständlichkeiten unserer Welt mit der Frage:“Könnte es auch anders sein?“ zu begegnen. Nur so haben wir die Chance alte Denkmuster aufzuknacken und werden offen für das Neue und die große Transformation. Im NLP und der systemischen Therapie nennt man das „Refraiming“ (Umdeutung). Eine Umdeutung der bisherigen Annahmen und das Setzen neuer Rahmen kann ein sehr befreiender Akt sein. Ist es wahr, dass Putzen für alle Menschen gleichermaßen eine schreckliche Tätigkeit ist? Ist es wahr, dass putzende Frauen (auch Männer) diese Arbeit abgrundtief hassen und sie unbedingt anderen Menschen aufdrücken wollen? Ist es wahrscheinlich, dass bei der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommen niemand mehr die einfachen Tätigkeiten verrichten würde? Stimmt die Annahme, dass Tätigkeiten, die wir selbst nicht mögen, auch andere Menschen nur unter Zwang ausüben würden? Kann es sein, dass wir die Welt meistens nur aus der Innenperspektive heraus betrachten? „Ich hasse es zu putzen, ergo: Alle Menschen hassen es zu putzen.“ Könnte es sein, dass es Menschen gibt, die gerne putzen und dass sich unter ihnen sogar einige der mahnenden Frauen befinden? Würde das Putzen eigentlich so eine schreckliche Tätigkeit sein, wenn wir es nicht ständig in Misskredit brächten? Wenn wir nicht ständig behaupten würden, dass alles, was keine Kopfarbeit ist, niedere, schlecht bezahlte und gesellschaftlich minderwertige Arbeit ist?

Zu meiner NLP-Practitioner-Prüfung gehörte es, eine Seminarteilnehmerin durch die Übung PutzeimerMoments of Excellence  zu führen. Ziel dieser Übung ist es, einen einmal erlebten ressourcenvollen Zustand zu ankern, um ihn jederzeit bei Bedarf reaktivieren zu können. Dafür muss man sich zunächst an ein Ereignis erinnern, durch das man ein Flow-Gefühl erlebt hat. Man erlebt dieses Gefühl dann noch einmal intrapersonell mit allen Sinnen und ankert es schließlich mit einer Geste, einer Handbewegung, einer Berührung. Zu meinem großen Erstaunen und völligem Unverständnis wählte die Teilnehmerin die Tätigkeit des Putzens. Das Flowgefühl erlebte sie auf der einen Seite durch die Tätigkeit selbst und auf der anderen Seite durch das Ergebnis: Saubere Wohnung. Ich – die Putzhasserin und völlige Ignorantin sauberer Wohnungen -, war jetzt also in der unglücklichen Lage jemanden in einen ressourcevollen Zustand über die Tätigkeit des Putzens führen zu müssen: „Stell dir vor, wie du einen Eimer mit Wasser füllst, langsam dein Lieblingsreinigungsmittel in das Wasser tröpfeln lässt, einen Wischlappen aus dem Schrank nimmst, dich dann zum Schreibtisch bewegst und die ganzen kleinen Staubflocken auf ihm wahrnimmst, die du jetzt beseitigen möchtest. Rieche, schmecke, fühle, höre den Staub. Und dann nimm langsam den Lappen, wringe ihn aus und bewege dich zum Schreibtisch, um die Staubflocken mit einem Wisch zu vernichten….“ Ich spürte, wie sich in meinem Bauch ein Lachreiz bildete. Ich versuchte an etwas anderes zu denken, während ich die Worte sprach und ihren ernsten Gesichtsausdruck mit den geschlossenen Augen wahrnahm. Und dann ließ es sich nicht mehr aufhalten, ich konnte nicht anders – es prustete aus mir heraus, ich begann zu lachen. Damals dachte ich: Dieser Frau müsse geholfen werden. Ich müsse sie über ihre Fremdbestimmtheit und ihr mangelndes Selbstwertgefühl aufklären. Denn darum musste es sich doch handeln, wenn das einzige Flowgefühl ihres Lebens im Putzen bestand. Heute weiß ich, welch arrogante Geisteshaltung dahinter steckt. Wie konnte ich mir anmaßen darüber zu urteilen, worin andere Menschen ihre Erfüllung finden? Die Seminarteilnehmerin hatte eine Berufsausbildung, die ihr nicht viel Freude machte und sie war in einer schwierigen persönlichen Situation. Das Putzen war etwas, das ihr schnell Erfolgserlebnisse verschaffte. Sie reinigte im Außen auch ein Stück weit ihre innere Welt. Sie räumte im wahrsten Sinne des Wortes auf. Zudem versetzte das Putzen sie in einen meditativen Zustand, durch den sie Ruhe und Entspannung fand. Alles positive Gefühle, die wir nicht in jeder Tätigkeit finden.

Kann es sein, dass die Tätigkeit des Putzens nur deshalb so in Verruf geraten ist, weil wir Intellektuelle und Akademiker meinen, dass das Putzen nichts wert sei? Wenn man immer wieder zu hören bekommt, das etwas, dass man eigentlich gerne tut, eine schrecklich minderwertige Arbeit ist, glaubt man irgendwann, dass man selbst auch nicht viel wert ist. Und wenn man dann auch noch öffentlich bekennt, dass man eigentlich gerne putzt, kann mit einem ja irgendetwas nicht stimmen. Also beginnt das große Abwerten und man möchte, dass nun auch die Anderen diese angeblich schreckliche Arbeit übernehmen. Und wer kennt sie nicht, die Frauen, denen man es dann trotzdem nicht recht machen kann – als Partner, als Tochter, als Sohn. „Nimm doch beim Abwaschen erst die Gläser und dann die Töpfe!“ – „Das nennst du Staubsaugen? Da flusst doch noch alles!“ – „Die Ecke dort im Bad, die hast du wohl übersehen?“ – „Wie kannst du denn mit dem Lappen auch noch das Klo putzen?“

Von der Freude „einfache“ Tätigkeiten zu verrichten – Ein kurzer Abstecher in die Welt der „kleinen Leute“

GeschirrÄhnlich verhält es sich mit der Annahme, dass keiner mehr irgendeiner einfachen Tätigkeit nachgehen würde, wenn es ein Grundeinkommen gäbe. Vor allem die einfachen Leuten würden dann gar nicht mehr arbeiten. Denn wer wolle schon als Küchenhilfe, als Kassiererin, als Fastfood-Angestellte oder als Reinigungskraft arbeiten, wenn er oder sie dazu nicht gezwungen wird?

Während meiner Tätigkeit als Arbeitsvermittlerin im Jobcenter und als Jobcoach für Bildungsträger habe ich viele der „kleinen Leute“ kennengelernt. Wenn man sie nicht in irgendetwas hinein zwingt, sondern ihnen auf Augenhöhe begegnet und fragt, was sie denn gerne machen würden, bekommt man erstaunliche Antworten. Fast jeder dieser Menschen wusste genau, was er oder sie gerne tat. Und das waren keine überzogenen, unrealistischen Vorstellungen, es waren reale für sie sinnvolle Tätigkeiten, die sie auch dann ausüben würden, wenn es ein Grundeinkommen gäbe. Da war die Frau, die leidenschaftlich gern bei McDonalds arbeitete. Sie beschrieb ihre Arbeit als erfüllend, weil sie mit Menschen zu tun hatte. Sie fühlte sich dafür verantwortlich, dass es den Kunden gut ging, dass sie über die Menüauswahl beraten konnte, dass die Geräte in Ordnung gehalten wurden. Sie fand ihren Chef toll und mochte ihre KollegInnen. Da war der ehemalige Kneipenbesitzer, der jetzt in seiner Gartenlaube schlief. Er brannte für die Idee mit einer historischen Goulaschkanone durch die Lande zu ziehen und Erbsensuppe auf Märkten anzubieten. Leider wurde er vom zuständigen Jobcenter-„Experten“ immer wieder ab- und zurechtgewiesen – einem Experten, der meinte, besser zu wissen, was für einen über 50jährigen Langzeitarbeitslosen gut ist. Da waren die vielen ehemaligen Produktionshelferinnen, die noch nach 20 Jahren ihrer verlorenen Arbeit nachtrauerten. Sie hatte ihnen Spaß gemacht. Sie beschrieben ihre Arbeit als angenehm, weil es klare Anweisungen gab, Routine, die KollegInnen nett waren, mit denen man auch mal privat etwas unternehmen konnte. Da war der 28jährige Job-Hopper, der leidenschaftlich gern Autos wusch. Voller Stolz erzählte er, wie er von seinem ersten Geld ein altes, nicht mehr fahrtaugliches Auto gekauft und sämtliche Reinigungsmittel an dem Auto ausprobiert hatte. Es sei ihm wichtig gewesen, die optimalen Mittel und Putztechniken zu finden, die seinen hohen Sauberkeitsansprüchen genüge täten. Er konnte Vorträge halten über die verschiedenen Putzmittel, über Innen- und Außenreinigung, über das Entfernen von Kratzspuren und über das, was man lieber nicht machen sollte. Er wünschte sich sehnlichst in einer Autowaschstraße zu arbeiten, hatte aber aufgrund seines sprunghaften Lebenslaufs und der fehlenden Berufsausbildung Schwierigkeiten eine Stelle zu finden. Wenn er etwas hasste, waren es Ausbildungen – das stand er einfach nicht durch. Er war Autodidakt, die einzige Lernmethode, die er aushielt. Damit hatte er sich auf verschiedenen Gebieten gute Kenntnisse angeeignet, so dass er manch einen mit entsprechender Ausbildung übertrumpft hätte. Aber in Deutschland haben Menschen die „anders sind“, anders lernen, anders motiviert sind – intrinsisch und nicht extrinsisch – kaum eine Chance. Da war der 32jährige Deutsch-Rapper, der nach 10 Jahren seine Tätigkeit als Fahrzeuglackierer wegen einer Allergie aufgeben musste. Ein begeisterungsfähiger, talentierter Tausendsassa, der nach seiner Umschulung zum Mediengestalter arbeitslos ist. Der Beruf des Mediengestalters ist Akademikern vorbehalten – ein so gut wie unüberbrückbares Hindernis. Kommen dann noch gesellschaftlich bedingte Minderwertigkeitskomplexe gekoppelt mit Perfektionsanspruch dazu, besteht kaum eine Möglichkeit in den gewünschten Beruf einzusteigen. Und schließlich war da die 52jährige Arzthelferin, die ihren Beruf satt hatte und deshalb unter Depressionen litt.  Danach gefragt, was sie denn gerne täte, kam prompt die Antwort:“Hundefriseurin.“ Die Arbeitsagentur-Datenbank erzielte genau einen Treffer und der war Monate alt.  Und dann geschah das absolut Unwahrscheinliche: Sie wurde zum Gespräch eingeladen und bekam den Job. Zufall oder Glück? Man könnte hier auch von Synchronizität  sprechen. Wenn man etwas wirklich will und seine Energie darauf ausrichtet, kann es sein, dass es in der Welt etwas gibt, dass auf diesen Wunsch in Resonanz reagiert. Das ist Quantenphysik – ein anderes Weltbild, eine andere Wahrnehmung von Welt. In unserem alten Denken von Ursache und Wirkung verhaftet, nehmen wir diese Schwingungen – die Welt der Möglichkeiten – meistens gar nicht wahr. Erst wenn wir aus diesem Denken heraustreten und uns dem neuen Denken öffnen, das aus den Erkenntnissen der Quantenphysik resultiert, werden wir in der Lage sein, Resonanzen zu erleben und ein erfülltes Dasein zu finden.

„Love it, leave it or change it – liebe es, lass es oder ändere es.“

Wenn das Putzen für manche Menschen so eine schreckliche Tätigkeit ist, sollten sie es sein Schweinelassen und mit dem Dreck Frieden schließen. Auf keinen Fall sollte man von sich selbst auf Andere schließen. Jemand, der partout eine saubere Wohnung haben möchte, könnte beginnen sich eine andere Haltung zum Putzen anzueignen oder sich jemanden suchen, der für das Putzen brennt – der darin eine schöpferische Tätigkeit sieht, der dies als einen ernsthaften Beruf begreift oder das Putzen als entspannenden Ausgleich für eine Schreibtischarbeit erlebt. Kinder, die sich nicht gern die Zähne putzen, ihre Sachen wegräumen oder sich anziehen, bringt man spielerisch dazu die ungeliebten Tätigkeiten zu tun. Wenn Karius und Baktus mit Freude an den Zähnen hämmern, dann plötzlich die Zahnbürste in den geöffneten Mund fährt und Karius vor lauter Schreck aufschreit, den Hammer fallen lässt und mit Baktus zu fliehen versucht, dann macht das Zähne putzen Spaß – dem Kind und dem Erwachsenen. Wenn das Essen per Flugzeug in den Mund fährt, öffnet Tobias den Mund und freut sich. Wenn Susanne die liegengebliebenen Spielsachen einsammelt, und den einzelnen Dingen dabei einen Namen gibt und ihnen erklärt, dass sie jetzt ins Bett respektive in die Kiste gebracht werden, um dort zu schlafen, dann hat man hinterher ein aufgeräumtes Zimmer und ein zufriedenes Kind. So löst das Spiel den Zwang ab, aus einer Notwendigkeit erwächst eine intrinsische Motivation. Wenn die Dinge beseelt sind und das Tun Spaß macht, kann man schnell auch zunächst ungeliebte Dinge verrichten. Dafür braucht man Zeit und die ist in der Gegenwart knapp. In einer Postwachstumsgesellschaft mit einem Grundeinkommen und einer anderen Verteilung von Arbeit gewinnt man genau dieses knappe Gut zurück: Man gewinnt Zeitwohlstand – man erhält die Souveränität über die eigene Lebenszeit zurück. Und mit der kann man Kindern spielerisch die Welt erklären und das Putzen zu einer meditativen Angelegenheit machen.

Es liegt an uns, ob wir unangenehme Tätigkeiten als Zwang begreifen oder ob wir unsere Haltung zu den Dingen verändern. Man kann das Putzen als entspannende, meditative Tätigkeit betrachten. Man kann das Putzen zur Berufung werden lassen – wie einst viele Berufe aus Berufung und nicht nur aus Notwendigkeit ausgeübt wurden. Man kann das Putzen als einen Tanz begreifen oder als schnelles Erfolgserlebnis, während andere Arbeiten erst in ferner Zukunft einen möglichen Erfolg bringen. Man kann die Wohnung als einen Ort der Ästhetik, des Wohlfühlens, der Wärme und Gemütlichkeit begreifen und die Putzarbeit als liebevolle Sorge um den Erhalt dieser Atmosphäre. Und man kann eine ganze Lebensphilosophie rund um das Putzen aufbauen.

Wenn wir Tätigkeiten, die uns keinen Spaß machen, nicht mehr abwerten, sondern auf Augenhöhe mit einer akademischen Tätigkeit gleichsetzen, wenn wir Menschen, die putzen als gleichwertig schätzen und respektieren, wenn wir lernen, uns auf einzelnen Tätigkeiten Hundertprozent zu konzentrieren, anstatt von einem Termin zum nächsten halbherzig zu rasen, wenn wir Anstrengendes in Spiel umwandeln und Putzen als Wellness-Programm für Haus und Seele begreifen, anstatt teure Fitness-Center zu bezahlen, dann wird es Menschen geben, die auch mit einem Grundeinkommen putzen und einfache Tätigkeiten ausüben.

Provokantes zum Thema Putzen:

Mehr Visionen! Weniger putzen.
http://www.emma.de/artikel/mehr-visionen-weniger-putzen-265903

Prof. Christiane Nüsslein-Volhard ist die Direktorin der Genetik-Abteilung des Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie in Tübingen. Ihr Labor ist nicht erst, seit die heute 69-Jährige 1995 den Nobelpreis erhielt, weltweit renommiert. 2004 initiierte die Forscherin die Nüsslein-Volhard-Stiftung, die einmal im Jahr an begabte junge Forscherinnen mit Kind ein Stipendium über 400 € monatlich vergibt. Für eine Haushaltshilfe. Alice Schwarzer sprach mit Nüsslein-Volhard über den Sinn eines Putzfrauen-Stipendiums und die Lage der Frauen in der Forschung. Die Kritik der Nobelpreisträgerin an den Frauen ist scharf.

Blitzt und blinkt
Wer reine macht, macht’s aus Lust am Dreck – behauptet eine „Analyse des Putzens im Haushalt“.
Spiegel-Artikel aus dem Jahre 1986
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13517631.html

Frauen putzen gerne
„Berliner Zeitung“ vom 4. April 2006
http://www.berliner-zeitung.de/archiv/frauen-putzen-gerne,10810590,10381540.html

Bücher zum Thema „Putzen“:

Matsumoto
Die Kunst des achtsamen Putzens
Wie wir Haus und Seele reinigen
erscheint Januar 2015
http://www.beck-shop.de/Matsumoto-Kunst-achtsamen-Putzens/productview.aspx?product=13877890

Die Philosophin und der Putzeimer
Nicole C. Karafyllis: „Putzen als Passion. Ein philosophischer Universalreiniger für klare Verhältnisse“, Kulturverlag Kadmos; Berlin 2013, 214 Seiten
http://www.deutschlandradiokultur.de/die-philosophin-und-der-putzeimer.950.de.html?dram:article_id=260058

Putzen als Passion – Ausschnitte
http://ssl.einsnull.com/paymate/dbfiles/pdf/resource/2338.pdf

Putzen!?: Von der lästigen Notwendigkeit zu einer Liebeserklärung an die Gegenwart
von Linda Thomas
http://www.amazon.de/Putzen-l%C3%A4stigen-Notwendigkeit-Liebeserkl%C3%A4rung-Gegenwart/dp/372351409X

Gut aufgeräumt! Saubermachen schnell und schonend
von Donna Smallin
http://www.der-buchleser.de/2011/04/24/gut-aufgeraeumt-saubermachen-schnell-und-schonend/

Katharina Zaugg – eine Ethnologin und Putzkundlerin

Wellness beim Putzen
https://www.planet-wissen.de/alltag_gesundheit/sauberkeit/hygiene/Wellnessputzen.jsp

Fenster putzen, Staub saugen, das Bad schrubben: Für die meisten ist das ein lästiges, aber notwendiges Übel. Nicht für Katharina Zaugg: Die Ethnologin und Putzkundlerin macht mit Lust und Leidenschaft sauber. Sie sagt dem schlechten Image des Putzens den Kampf an – und gibt Tipps, wie aus dem unvermeidlichen Hausputz ein sinnliches Vergnügen wird.

„Man muss Putzen als Tanz verstehen“
http://www.sueddeutsche.de/panorama/lebensphilosophie-man-muss-putzen-als-tanz-verstehen-1.667370

Katharina Zaugg im Interview – „Putzen ist Wellness“
http://www.fem.com/lifestyle/artikel/katharina-zaugg-im-interview-putzen-ist-wellness

 

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Ein Gedanke zu „„Dann putzt doch keiner mehr…“

  1. Marek

    Hallihallo!

    Ich liebe einfache Aufgaben. Auch wenn sie sich manchmal zu einem hoch komplizierten Gebilde türmen. Übrigens diese alte Wendezeit-Ausgabe habe ich auch. Ein echtes Urgestein für Visionäre, dass bisher jeden Großputz überlebt hat.

    Mit dem „Dreck Frieden zu schließen“ finde ich klasse. 🙂

    Liebe Grüße,
    Marek

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