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Ich coach doch nicht fürs Hamsterrad…

Über Sinn und Unsinn des Jobcoachings bei Bildungsträgern

Paul Ariés, der französische Sozialist und Wachstumsrücknahme-Aktivist hat es in der erdmannchen9Talk-Show Paris – Berlin Arbeit – Sinn des Lebens?auf den Punkt gebracht: „Wir kehren zurück zur Dienergesellschaft des 19. Jahrhunderts.“ Gemeint ist die massenhafte Verdingung unzureichend qualifizierter Menschen im prekären Niedriglohnsektor, der auch in Deutschland nicht einmal zur Lebenserhaltung ausreicht. Laut einer OECD-Studie sagt Paul Ariés, „werden wir im 21. Jahrhundert nur noch 20 Prozent qualifizierte und gut bezahlte Arbeitsplätze haben – die Ausbildungsberufe – und 80 Prozent nicht qualifizierte und schlecht bezahlte Arbeitsplätze – die sogenannten Hilfsberufe.“ Die meisten Menschen, die sich in Deutschland im Niedriglohnsektor verdingen, beziehen ergänzend ALG II. Ein Leben nicht nur in Armut, sondern auch in äußerster Entwürdigung ist häufig das Resultat. Denn die Erwerbsarbeit, das Einkommen und der Konsum stehen im Mittelpunkt unserer Gesellschaft. Sind diese drei Dinge nicht in ausreichendem Maße vorhanden, wandert man automatisch ab in die „Unterschicht“. Bei prekär beschäftigten Akademikern – die sich häufig auch weit unter ihrer Qualifikation verkaufen müssen – spricht man vom „akademischen Proletariat“. Dass das so ist, liegt daran, dass wir in unserer Gesellschaft Werte wie Freundschaft, Liebe, Nachbarschaftshilfe, ehrenamtliches Engagement, unentgeltliches Tätigkeitsein, Muße, Nichts-Tun, Faul-sein weit unter die Werte „Erwerbsarbeit, Einkommen, Konsum“ angesiedelt haben. Ohne diese drei obersten Werte ist alles andere nichts. Ein Angestellter, der sich neben seiner Erwerbsarbeit ehrenamtlich engagiert, ist hoch angesehen, erhält Wertschätzung. Eine Hartz-IV-Empfängerin, die sich ebenfalls ehrenamtlich engagiert, erhält diese Wertschätzung von der Gesellschaft oft nicht. Bei ihr wird – bewusst oder unbewusst -, impliziert, dass sie das nur tut, um nicht zuhause herumzusitzen, ja man erwartet es quasi von ihr, damit sie, die „Schmarotzerin“, die von Steuergeldern lebt, der Gesellschaft wenigstens etwas zurück gibt. Und hier beginnt die absolute Entwertung des Menschen, der ohne Erwerbsarbeit nicht nur Einkommen und Konsumstärke einbüßt, sondern mit dem Verlust des Arbeitsplatzes auch die gesellschaftliche Anerkennung und im schlimmsten Falle seine Würde verliert.

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