Postwachstum und Aufklärung 2.0

Ein Plädoyer für Freiheit, Individualität und Eigensinn

Postwachstums-Gedanken zum Essay von Gerhard Schulze „Das Drama der Freiheit“

Kürzlich habe ich diesen wunderbaren Essay von Gerhard Schulze entdeckt, den er 2007 in Ulrike Ackermanns Essayband „Welche Freiheit – Plädoyer für eine offene Gesellschaft“ veröffentlicht hat. Was für ein Lesegenuss diese 63 Seiten! Tiefe, kluge Gedanken, Hintergrundwissen und ein wirklich freier Geist! Etwas, was immer seltener wird in unserer schnelllebigen Zeit, in der die Meinung ohne Hintergrund, das ewig gleiche Nachgeplapper der immer gleichen Ansichten, die man sich irgendwann mal angeeignet und nie wieder überprüft hat und die „grün-liberalen“ Mainstream-Gedanken zum allen beherrschenden Tenor in dieser Gesellschaft geworden sind.

Um es gleich vorweg zu nehmen. Nein, ich bin keine Liberale! Dazu ist mir der Begriff der Freiheit bei den Liberalen zu stark an zügellose Marktfreiheit geknüpft, bleibt zu sehr im Umfeld der Mittelschicht. Der Freiheitsbegriff der Liberalen ist ein egoistischer der Gutverdienenden/Etablierten – zumindest in Deutschland. Deshalb hat es die FDP hier auch nie weit gebracht. Freiheit will gelernt sein – sie wird nicht mit der Mutterbrust eingesogen. Für die Marktliberalen und ihrer Steigerungsform den Marktlibertären geht es nur um ihre eigene Schicht, ihre Befindlichkeit, die sie auf Kosten des Gemeinwohls radikal ausleben möchten. Auf die vom Schicksal weniger begünstigten, die ihre Freiheit weniger nutzen können, warten Prekariat und Transferleistungen – die Almosen der Verlierer. Ginge es nach den Wünschen der Anarchokapitalisten (Peter Müller in „Das Geheimnis freier Menschen„) –  würde der Sozialstaat am besten ganz abgeschafft und durch das freiwillige Caring ersetzt. Die Abhängigkeit der Unfreien vom Goodwill der Begüterten – wie es in Amerika Gang und Gäbe ist – der Traum der privilegierten Freien. Dabei ist mindestens seit Brecht klar – erst kommt das Fressen dann die Moral -, dass das Erlernen und der Gebrauch der subjektiven Freiheit erst möglich wird, wenn die Existenzgrundlage gesichert ist. Deshalb können der Liberalismus und die Freiheit der Märkte keine adäquate Antwort auf die drängenden Probleme des 21. Jahrhunderts bieten.

Zu einer nachhaltigen Wende – einer Transformation hin zu einer Postwachstumsgesellschaft – gehören neben der wirtschaftlichen Wachstumsrücknahme auch die Dimensionen einer Philosophie der Freiheit, der Lebenskunst und die Setzung politischer Rahmenbedingungen. Schulzes Text lädt dazu ein, seinen Ansatz in diese Richtung weiter zu spinnen.

Freiheit und Moderne

„Eiskalt weht der Wind der kapitalistischen, von der Gier des Marktes getriebenen Globalisierung; böse gibt die Technik den Militärs und Warlords immer perfidere Waffen in die Hand; sündig verführen Frauen mit feuchten Lippen und nackten Schenkeln zum Konsum der ganzen Welt, sich selbst inbegriffen.“

Die Philosophie des Westens – der Aufbruch in die Freiheit, der mit der Aufklärung begann, scheint fast gescheitert. Die Kritiker des Westens wie auch der Westen selbst, zweifeln zunehmend an den Werten der Freiheit, dem Relativismus der Werte und dem grundsätzlichen Werteverlust, wie es fundamentalistische Kritiker dem Westen unterstellen. Doch hat die Freiheit tatsächlich nur Dekadenz, Werte-Losigkeit, Verlust des Gemeinschaftsgefühls, der Solidarität, der Gleichheit und Brüderlichkeit gebracht? Der Ruf nach einem Zurück wird immer lauter – lauter auch von denen, die für eine Wachstumswende – dem Zeitalter des Postwachstums eintreten. Rückkehr bedeutet laut Schulze aber auch: „Wiederkehr der Charismatiker, Unterdrückung des Eigensinns, Mißbilligung des Menschlichen, Heilung der Mittel durch den Zweck: Zensur, Religionspolizei, Nachplappern als pädagogisches Prinzip, Gefängnis, Unterdrückung der Frau, Terror“. In seiner milderen, deshalb aber nicht weniger einschränkenden Form: „Verbot der Evolutionstheorie, Ächtung von Kondomen, Technik-, Wirtschafts- und Konsumfeindschaft bei gleichzeitiger Beanspruchung aller Vorteile, Wiederkehr der mythischen, textgläubigen Religion, geführt von Autoritäten der Frömmigkeit, denen die Herde es abnimmt, daß sie auf geheimnisvolle Weise mehr von Gott wissen als die Geführten, Rückkehr der Werte, als wären sie verloren gegangen. Und noch weiter abgeschwächt, liegt ein Zurück auch schon im Mißtrauen gegen den Common Sense – das einzige, worauf sich die Menschen der Moderne zu verlassen entschlossen haben.“

Schulze schrieb seinen Essay 2006. Seitdem sind fast 10 Jahre vergangen. Seine Thesen nehmen immer mehr Gestalt an, betrachtet man die Angriffe auf den Westen, die mittlerweile aus allen Ecken, Höhen und Tiefen auf ihn niederprasseln. Neben dem islamischen Fundamentalismus wird auch in Europa die Rückkehr zu den Religionen, zur Spiritualität zumindest in Erwägung gezogen – auch von Teilen der sozialen Bewegungen. Hatte man noch bis vor rund 20 Jahren geglaubt in einer säkularen Welt zu leben, in der die Religionen – außer im privat-persönlichen Bereich – kaum noch eine Rolle spielten, sieht man sie jetzt wieder im prallen Licht der Öffentlichkeit. Und fast wie zur Reformationszeit müssen sich die, die an keine überirdischen Götter und Geister – an kein metaphysisches Telos – glauben, zunehmend vor einer verständnislosen Öffentlichkeit, die ihnen im besten Fall mit Argwohn und Missfallen entgegen tritt, erklären. Nicht nur die rechten Charismatiker rufen zum großen spirituellen Sturm gegen die Ausgeburt des Bösen – den Westen -, auch in Teilen der Postwachstumsbewegung geht es esoterisch, spirituell und kollektiv-harmonisch zu. Schluss mit der Individualität, dem Eigensinn und der Eigenverantwortung – scheint die Parole zu lauten – ein Hoch auf das WIR, das Kollektiv, dem Gemeinsinn! Und schließlich der Common Sense, der doch auch darin besteht, sich auf eine für alle tragbare Sicht auf die Wirklichkeit und die Geschichte geeinigt zu haben, zerbricht, zerfasert in lauter kleine Einzelwirklichkeiten. Was aber, wenn der Common Sense im großen Maßstab zerfällt? Lauern dann Massenpsychose, gegenseitiges Misstrauen in unvorstellbaren Maße, vor dem sich nur noch schützen kann, wer dem richtigen „Kollektiv“ – der richtigen politischen Gesinnung angehört?

Zusammengehalten wurde der Westen lange durch „die Vorstellung der Menschen, einer zeit- und gesellschaftsübergreifenden Transformationsgemeinschaft anzugehören“, die die Freiheit des Einzelnen zum Prinzip erklärt hat. Was aber, wenn dieser Grundkonsens auf dem Spiel steht? Die Vereinzelung des Menschen ist weit vorangeschritten. Die endlich erkämpfte Freiheit des Individuums – auch die Rechte der Frau – gegen die Gebundenheit an das Kollektiv – der Familie, der Sippe, der Zunft, der gesellschaftlichen Klasse – könnte auf dem Spiel stehen. Endlich sollen die lang vernachlässigten Werte wie Gemeinschaft, Verflochtenheit, Beziehung(sfähigkeit), Liebe, Gefühl und Harmonie zu ihrem Recht gelangen – endlich sollen die so lang verachteten „weiblichen Werte“ über die rauen, kalten Werte des Verstandes, der Vernunft, der Ratio und der Vereinzelung – die vermeintlichen „Werte des Mannes“ triumphieren. Der Kampf gegen die Finanzoligarchie, die westliche Expansionspolitik, die wachsende Ungleichheit, die ausufernde Globalisierung und der Wirtschaftswachstumswahnsinn geht einher mit der Hinwendung zum Spirituellen, zum metaphysischen Telos und den „weiblichen Werten“. Etwas, das durchaus seine Berechtigung hat, wurden die weichen Werte in der durch ökonomisierten Welt des Neoliberalismus doch zunehmend ins Private verdrängt. Selbst im Privaten noch schienen sie bedroht, durch die zwiespältige Forderung nach Bezahlung der Care-Tätigkeiten – Hausarbeit, Erziehung, Pflege. Auf der einen Seite eine berechtigte Forderung, auf der anderen Seite machte die Durchökonomisierung nun auch vor dem intimen, persönlichen Beziehungen des Menschen nicht halt.

Doch wie immer, wenn ein Wert eine ungesunde Übertreibung erhält, fordert nun die Gegenseite in gleicher Übertreibung ihr Recht. Rationalität, Nüchternheit und Zweifel werden zur Hauptursache des Dilemmas erklärt. „Zu sehr prägt in den Augen vieler das Odium der Entzauberung der Welt das Bild der Moderne, der Verdacht großtechnisch administrierter Lebensfeindschaft, der Eindruck idiotisch girrenden Hedonismus, um sie als das erscheinen zu lassen, was sie wesentlich ist: ein Befreiungsprojekt. Das kritische, analytische Denken, das doch nur ein Instrument sein sollte, wird als oberster Zweck fehlgedeutet.“ (Schulze, S. 66) Also entschließt man sich, es gleich ganz abzuschaffen. Die Erneuerung der Welt soll ohne diese Werte auskommen, die doch scheinbar nur Unheil über die Menschen gebracht haben. Was aber, wenn die überbordende Hinwendung zum Weichen, zur Verbundenheit, Warmen und Kuschligen nicht die ersehnte in sich verflochtene, sich achtende, liebende und teilende Weltgemeinschaft hervorbringt, sondern einen rückwärtsgewandten Totalitarismus, der alles Eigene, Unangepasste, Individuelle, sich nicht Einordnen lassende ausgrenzen und vernichten muss, damit die heilige Ordnung und Harmonie nicht gestört werde? Zu einem Ganzen gehört die Integration der beiden scheinbar polarisierenden Werte: das kritische Denken/der Zweifel und die Verbundenheit/ Bejahung; die klare, rationale Analyse und das Wieder- Zusammensetzen auf einer höheren Ebene; das Individuelle/die Abgrenzung und die Hinwendung zum Du/die Betonung des Gemeinsamen.

 Negative contra oder plus Positive Freiheit?

Aufklärung 2.0: Der Weg führt nach vorn und nicht zurück

Philosophiegeschichtlich haben sich die DenkerInnen an zwei Begriffen der Freiheit abgearbeitet: der Freiheit von äußerem und inneren Zwang – vor allem von Willkürherrschaft und Totalitarismus – und der Freiheit zu – dem Bekenntnis zu etwas hin und damit die (freiwillige) Einschränkung der (individuellen) Freiheit auf ein größeres Gesamtes hin. Ein Spagat, der sich durch alle Zeiten zieht und in der Gegenwart wieder einen besonders hohen Stellenwert einnimmt: Wie viel Freiheit wird dem Individuum zugestanden? Wie viel Freiheit soll es opfern zu Gunsten eines größeren Zusammenhalts, einer Übereinkunft der Vielen? Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Krisen und radikaler Umbrüche sollten sich die Protagonisten einer neu zu installierenden Weltordnung offen über das Maß individueller Freiheit verständigen, bevor sie möglicherweise eine Richtung einschlagen, der ein böses Erwachen erfolgen könnte. Zu selbstverständlich wird die Freiheit hingenommen, zu wenig Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit dieses Wertes ist in den müden, vom ausufernden Finanzkapitalismus gebeutelten Köpfen und Herzen der Menschen des Westens vorhanden. MahnerInnen wie Necla Kelek, Seyran Ates, Hamed Abdel-Samad wird allzu oft die rote Karte gezeigt, wenn sie für diese Freiheit eintreten. Einer Freiheit, die für sie ein zu erhaltender, schützenswerter und immer wieder neu zu erkämpfender Wert darstellt – stammen sie doch aus Ländern, in denen Rechtsstaatlichkeit, Selbstbestimmung, Individualität, Gleichberechtigung von Mann und Frau noch keine selbstverständlichen Werte sind.

Eine politische Postwachstumsbewegung muss beginnen, sich auch mit den Fragen der Freiheit zu befassen. Der negativen und der positiven Freiheit. Eine neu zu installierende Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung darf nicht vor die erste Aufklärung zurückfallen. Sie muss eine geschichtliche Weiterentwicklung sein – kein Zurückfallen in archaische Stammesgesellschaften, in Religiosität und Kollektiv. Der Eigensinn, die Selbstbestimmung des Individuums, die Individualität, die Freiheit der Gedanken und der Meinungsäußerung müssen oberste Priorität bekommen – nur über diese grundsätzliche, nicht diskutierbare Prämisse, können sich Gemeinsinn, Kooperation und eine positive Freiheit – die Freiheit zu im ständig erneuerbaren Diskurs bestimmen lassen. Dies bedeutet aber auch eine Grenzziehung zu gesellschaftlichen Positionen, die eine ungesunde Überbetonung im Kollektiv, der Spiritualität, des Gemeinschaftssinn auf Kosten der Individualität sehen.

So gehört zu einer politischen Postwachstumsdebatte unweigerlich auch die Frage nach der Rolle des Staates, dem politischen Primat, vor und neben einer neuen Wirtschaftsordnung. Wie viel Macht soll der Staat bekommen/erhalten, wie viel Macht der Bürger? Welche Werte sind zu schützen und auch nach außen zu verteidigen? Ist unsere Demokratie eigentlich noch zeitgemäß oder braucht sie nicht dringend einer Erneuerung, einer Weiterentwicklung im Zuge des Projekts Aufklärung 2.0? Verschiedenste Autoren haben sich mit dem Projekt „Demokratie“ auseinandergesetzt. Negri/Hardt, Wätzold Plaum, Johannes Heinrichs, Bender/Bernholt/Winkelmann im Rahmen der Akademie für solidarische Ökonomie – um nur einige zu nennen. Es ist an der Zeit, dass sich die Postwachstumsbewegung neben der wirtschaftlichen Komponente auch mit der positiven Weiterentwicklung der Demokratie befasst. Das Dagegen-Sein á la „Campact“  hat sicher seine Berechtigung, bleibt aber darin stecken, immer wieder Forderungen an die politischen Akteure zu stellen, die gefälligst umsetzen sollen, was man fordert. Das ist die Demokratie alten Maßstabes – die Abgabe der Umsetzung an die gewählten Repräsentanten des Systems. Das System in dieser Form scheint aber zunehmend in Frage zu stehen. Ist die repräsentative Demokratie, sind die alten Volksparteien wirklich noch die zeitgemäße Antwort auf die drängenden Probleme dieser Zeit? Gerade weil ihre Verflochtenheit mit den wirtschaftlichen Akteuren des Wachstumsparadigmas, des internationalen Finanzkapitals immer deutlicher hervortritt, ihre Unfähigkeit Alternativen zu denken und gegen eine übergroße Lobby durchzusetzen, ihr Konsensanspruch, der es nicht erlaubt, jenseits der Mitte zu denken und zu handeln, muss die Forderung nach mehr Demokratie, nach einer Bürgerdemokratie immer lauter werden und nicht rechten Kräften überlassen werden. Eine politische Postwachstumsbewegung muss anfangen sich auch mit Politik – der Veränderung und Weiterentwicklung der Demokratie – zu befassen. „Die Systematik unseres Rechtssystems, die jede Gesetzgebung an die Verfassung, insbesondere an den Grundrechtskatalog und die Staatsziele bindet, erfordert bei der systematischen Umsetzung der hier vorgestellten Ziele zumindest eine teilweise Änderung der Verfassung. Neben den individuellen und politischen Grundrechten sind nun auch wirtschaftliche Grundrechte in der Verfassung als Staatsziele zu verankern – konkret das Nachhaltigkeitsgebot und das Gemeinwohlgebot der Wirtschaft sowie das demokratische Gestaltungs- und ökonomische Teilhaberecht aller.“ (Quelle: Akademie Solidarische Ökonomie (Hrsg.) Harald Bender, Norbert, Bernholt, Bernd Winkelmann „Kapitalismus und dann? Systemwandel und Perspektiven gesellschaftlicher Transformation“, Norbert Bernholt „Leitvorstellungen und Prämissen“, S. 61/62) Das „Primat der Politik“ muss ein übergeordnetes Erfordernis vor wirtschaftlichen Interessen bleiben. Nur über den politischen Weg ist es möglich zum Beispiel auch ein Grundeinkommen zu installieren und dafür zu sorgen, dass die Wirtschaft wieder zum Dienst am Menschen wird und nicht umgekehrt.

 Die zwei Dimensionen der Freiheit: Oscar Wilde und Kaspar Hauser

Subjektive und Objektive Freiheit

Wunderbar beschreibt Schulze die zwei Dimensionen der Freiheit anhand einer Metapher. Oscar Wilde – „das Genie der Freiheit“ – zerbricht, als ihm die objektive Freiheit genommen wird. Wegen Homosexualität hinter Gitter gebracht, verdichtet er seine Sehnsucht nach Freiheit in der „Ballade vom Zuchthaus zu Reading“. Als Oskar Wilde aus seiner Zelle in den Himmel blickt, entfaltet sich vor ihm ein grenzenloser Raum an Möglichkeiten. Für Kaspar Hauser dagegen, der in völliger Isolation aufgewachsen ist, bietet der Himmel nichts als blau. Alles, was er sieht: grenzenlose Weite und Leere. Der blaue Himmel wird hier zur Metapher des Möglichkeitsraums der subjektiven Freiheit. Oscar Wilde, seiner objektiven Freiheit beraubt, kann ihn nicht mehr nutzen und zerbricht schließlich. Kaspar Hauser kann ihn ebenfalls nicht nutzen. Im Besitz der objektiven Freiheit fehlt ihm die Gabe, über seine subjektive zu verfügen. Zur Freiheit gehören beide Achsen: die objektive und die subjektive Freiheit. Hat man nur noch eine Achse zur Verfügung, ist die andere nichts mehr wert. „Fähigkeit ohne Möglichkeit bei Oscar Wilde, Möglichkeit ohne Fähigkeit bei Kaspar Hauser.“ (Schulze, S. 69)

Zwar gelangt die Moderne nur in der Kombination von objektiver und subjektiver Freiheit ans Ziel, wagt man aber einen Blick zurück in die Geschichte, so wird gewiss, dass der Kampf um die objektive Freiheit – die Freiheit von – noch immer den weitaus größten Stellenwert einnimmt. Machtkriege, Religionskriege, Erneuerungskriege, Befreiungskämpfe ziehen sich durch die Epochen. 30-jähriger Krieg und die anschließende Neuordnung Europas, die erkämpfte Aufklärung und Wissenschaftlichkeit gegen Religion, Aberglaube und ein besseres Jenseits. Französische, Russische, Spanische Revolution – der Kampf gegen Monarchie, Totalitarismus und Faschismus. Aufstand der 68ziger, Frauenbewegung, sozialen Kämpfe – immer ging und geht es vorrangig um die Erkämpfung der objektiven Freiheit und die Rechte von Minderheiten. Schulze beschreibt das Dilemma der Freiheit, als eines, das im „ersten Kapitel steckengeblieben zu sein“ scheint: im objektiven Freiheitsbestreben, das sich einzig „um Technik, Wirtschaft, Lebensstandard, politische Ordnung und Alltagsleben“ zu drehen scheint. Während es den ursprünglichen „Aufklärern und Idealisten“ noch „nachdrücklich um den subjektiven Gebrauch der Freiheit“ gegangen war, wurde die subjektive Dimension in der Moderne “ immer abstrakter und unbestimmter“, erschöpfte sich „im bloßen Postulat der persönlichen Suche nach Glück.“ Schulze beschreibt dann auch das Subjektive als blinden Fleck der Moderne. „Die Pointe der Moderne – das Leben selbst im ständig erweiterten Möglichkeitsraum – wurde vollständig der Privatsphäre jedes einzelnen überantwortet.“ (Schulze, S. 71)

Aber muss das Subjektive nicht auch im Privaten bleiben, um frei sein zu können? Würde es nicht kollektiv okkupiert, wenn sich Staat und Gesellschaft einmischten? Hatten wir das nicht alles schon im Sozialismus, im Faschismus, überall dort, wo Staat und Mehrheitsmeinung dem Individuum sagen wollen, wie es zu denken und zu leben hat? Was aber, wenn der Mensch – in die Freiheit geworfen – gar nichts mit ihr anfangen kann? „Kaspar Hauser wurde aus dem Verlies geholt, er bekam Autos, Mobiltelefon, Antibiotika, Viagra, Südfrüchte zu jeder Jahreszeit, All-Inclusive-Urlaube und perfekten Zahnersatz. Da hast du dein Leben, fang damit an, was du willst! Aber weil nicht jeder das Format von Oskar Wilde hat, gibt es Trendscouts, Werbeagenturen, Computerspiele und Psychotherapeuten.“ (Schulze, S. 72/73)

Zwar sind längst nicht alle Mängelzustände der objektiven Freiheit behoben – und in den letzten Jahrzehnten haben sich die Mängelzustände wieder deutlich gehäuft. Doch kann es der richtige, lösungsorientierte Weg sein, weiterhin nur an einer Befreiung von Zwang, Knechtschaft, Ungleichgewicht zu arbeiten? Oder ist es nicht allerhöchste Zeit, sich auch um die subjektive, individuelle Freiheit zu kümmern, die sich eben nicht einfach so einstellt, auch wenn der äußere Rahmen geschaffen ist? In der Moderne geht jedeR für sich selbst auf die Suche nach Glück und Sinn. Die Fragen: Wer bin ich? Wie will ich leben? Was ist möglich? sind die drängenden Fragen des Individuums der Gegenwart. Der Relativismus der Werte bietet objektiv betrachtet jedem und jeder seine Nische. Die Coachingszene boomt, Lebensratgeber versprechen Unterstützung und Antworten auf die drängenden Fragen nach dem Sinn des eigenen Lebens. Bis heute gibt es keinen Begriff von subjektiver Modernisierung, im Gegenteil wird Modernisierung als ein Objektivierungsvorgang angesehen, dem sich das Subjektive grundsätzlich verschließt. „In einem Akt kollektiver erkenntnistheoretischer Resignation wird das Subjektive als Raum kartographiert, über den man nicht objektivierend sprechen kann, in dem mithin kollektives Lernen nicht möglich ist.“ (Schulze, S. 79) Eine freie Welt braucht aber mehr als individuelle Subjekte, die sich irgendwie mit der eigenen Freiheit und dem eigenen Sinn arrangieren müssen – und oft genug gerade an dieser Herausforderung scheitern. Die Werke der Literatur, Theater, Kunst sind voll der Dramen des Abmühens, immer wieder Versuchens, Scheiterns und Aufgebens – nicht zuletzt auch an einem Überdruss von Freiheit und einem Zuwenig an Gebundenheit/Gemeinsamkeit. Wer sich immer nur von allem befreien will und nie gelernt hat, dass eine Wahl zu haben auch bedeutet, Ja zu dem einen und Nein zu dem anderen zu sagen – bleibt ein ewig Suchender. Der Esel Buridans, der sich nicht entscheiden kann, welchen Heuhaufen er zuerst fressen soll, verhungert schließlich. Für manch einen bedeutet schon die Wahl zwischen zwei Optionen eine subjektive Überforderung. Was aber wenn tagtäglich zig Wahlmöglichkeiten anstehen – sei es die zwischen mehreren Telefon- und Energieanbietern, die zwischen unzähligen Salami-Angeboten im Supermarktregal oder die Auswahl der zu Markte getragenen, einsamen Singleherzen? Kann die Antwort auf einen Mangel des Umgangs mit subjektiver Freiheit und des ICH-Bewusstseins wirklich im neu entstehenden kollektiven WIR-Hype liegen, wie sie von Teilen der Postwachstumsbewegung gefordert wird? Oder geht es nicht vielmehr darum, erst einmal den Gebrauch subjektiver Freiheit als Individuum zu erlernen, bevor dieses ICH mit anderen freien ICHs kooperieren kann? Diese Suche kann und muss sogar gemeinschaftlich geschehen – wenn es tatsächlich um eine Objektivierung der subjektiven Freiheit gehen soll. Ein wesentlicher Teil der gemeinsamen Suchbewegung: Die Wiederaneignung der eigenen Lebenszeit – die Befreiung der eigenen Zeit aus den Klauen der Ökonomie und des Übergewichts des Handelns und Machens. Die Ungerechtigkeit der Geldverteilung ist das eine – sie gehört dem objektiven Bereich an. Das knappe Gut Zeit dagegen gehört in den subjektiven Bereich. Die Ungerechtigkeit der Zeitverteilung ist das eigentliche Zielgebiet der subjektiven Freiheit. „Was man objektiv kann, läßt sich subjektiv nur nutzen, wenn man Zeit hat.“ (Schulze, S. 87)

 Individuelle Freiheit als Diskurs-Gegenstand der Postwachstumsbewegung?

Aufklärung 2.0: Die Objektivierung der subjektiven Freiheit

Eine Objektivierung des Subjektiven? Wie soll das gehen? Das klingt im ersten Moment wie die Naturverwissenschaftlichung der Sprache – wie sie von Austin und Searle im Rückgriff auf Wittgenstein praktiziert wurde – der Versuch den Sprechakt in mathematische Formeln zu pressen. Befremdlich, kalt, analytisch – das Lebendige der Sprache abtötend und disziplinierend. Und das soll jetzt auch mit der subjektiven Freiheit geschehen?

Schulze: „Was zu dieser Objektivierung gehört, läßt sich hier nur andeuten: Ausbildung des Blicks für wiederholte Episoden als einer Grundsubstanz von Subjektivität und Kultur; wissenschaftliche Aufwertung und Veralltäglichung methodisch kontrollierten Verstehens (es gibt gutes und schlechtes Verstehen, wie es gute und schlechte Software, Autos oder Supermärkte gibt); Akzeptieren von Unschärfe, Geschichtlichkeit und unkalkulierbarer Reflexion als Eigenschaften des Subjektiven und Kulturellen im Gegensatz zu Naturgesetzen und logischen Axiomen; Explizitmachen einer Handlungslogik der subjektiven Freiheit als zweiter Dimension moderner Kulturkompetenz neben der historisch ersten Dimension der objektiven Freiheit. Was macht den Unterschied der beiden Handlungslogiken aus? In der ersten Dimension geht es um das Können; man operiert mit Abstraktion, mit dem Vergleich von mehr und weniger, mit einem Arsenal von Methoden, mit Handlungsplänen der Steigerung. In der zweiten Dimension geht es um das Sein; dabei kommt es auf größtmögliche, das Singulare betonende Konkretisierung an, auf die Enthierarchisierung von Vergleichen (anders statt mehr), auf Erfahrungswissen und Improvisation mehr als auf standardisierte Methoden; auf Annäherung an Idealvorstellungen als auf Steigerung ins Unangemessene.“ (Schulze, S. 79)

Vielleicht geht es weniger um Verwissenschaftlichung des subjektiven Freiheitsbegriffes, als vielmehr um Lernen, um das Aneignen von Methoden der Freiheitsgewinnung, um das Anwenden von Techniken, die es dem Individuum erlaubt zu wählen, sich zu entscheiden, auch NEIN sagen zu können und sich in Freiheit zu binden. Der Gebrauch der subjektiven Freiheit und Verantwortung als die in den Mittelpunkt der Aufklärung 2.0 zu rückende gesellschaftliche und politische Aufgabe.

Wieso wird eigentlich zwangsläufig davon ausgegangen, dass der Gebrauch der subjektiven Freiheit, der Erziehungsauftrag gegenüber Kindern, der individuelle Umgang mit Lebenszeit und Lebensgestaltung so einfach mir nichts dir nichts aus dem luftleeren Raum entsteht? Wieso erliegen wir dem törichten Irrglauben, dass das, was wir unseren Kindern in der Schulausbildung angedeihen lassen, auch nur im Entferntesten der Lebenspraxis entspricht, die sie – aus Schule, Lehre, Universität entlassen – anschließend ganz individuell zu bewältigen haben? Das Können von Techniken und Fertigkeiten, um den beruflichen Erfordernissen zu entsprechen, ist die eine Seite. Die andere Seite wäre es, ihnen die Möglichkeit einzuräumen sich im Angesicht einer immer komplexer werdenden und immer schneller sich wandelnden Zeit die erforderlichen Lebensbewältigungstrategien anzueignen. Dies könnte durch die Einführung neuer Schulpflichtfächer geschehen: Ethik-, Lebenskunst- und Denkstunden, in denen Kinder bereits früh mit Hilfe einer sokratischen Gesprächsführung die Fähigkeit erlernen, kritische Fragen zu stellen, sich selbst zu reflektieren und sich mit ihrem gegenwärtigen und zukünftigen Lebensentwürfen zu befassen. Jeder, der einmal mit Kindern zu tun hatte, weiß von der Neugierde der Kinder, ihren Wissenshunger und ihrer Begeisterung sich die Welt in Frageform anzueignen.

Dies könnte unter Umständen wahrhaft freie Menschen hervorbringen, die sich nicht zu marktkonformen Homo oeconomicussen zurechtstutzen ließen. Die Zeit der Kasper Hausers wäre dann vorbei – eine Vorstellung, die seit Anbeginn der Menschheit von Autoritätsgläubigen und dem Mittelmaß als größtmöglichstes Übel gefürchtet wird. In einer freien Welt hätten die Mittelmäßigen mit ihrer Autoritätsgläubigkeit, die heute die Ämter besetzen, nichts mehr zu sagen. All die selbstverliebten Mr. und Mrs. Wichtigtuer müssten ihr Ränzlein packen und ihren Platz den wahrhaft Begabten und Kreativen überlassen, die sich in völlig neuen Strukturen organisierten als es heute geschieht. Vielleicht wäre dann eine Welt denkbar, in der Kreativität, Intelligenz, Begabung dazu genutzt würde, eine soziale Welt zu gestalten, in der die scheinbar unvereinbaren Gegensätze von Gleichheit und Freiheit doch noch zueinander fänden. Gleichheit nicht im Sinne von Gleichmacherei – etwas, das heute oft verwechselt wird. Gleichheit im Sinne von Anerkennung des Anderen auf Augenhöhe in seinem individuellen Sein – egal, ob Putzfrau oder Akademiker. „Freiheit ohne Gleichheit kann es nicht geben.“ (Frédéric Worms) Während Macht- und Reichtumsverliebte vom freien Markt träumen und den Staat möglichst gänzlich aus dem Geschehen heraushalten möchten, ginge es in einer wahrhaft freien Welt gerade darum, eine wirtschaftliche Existenzgrundlage für alle zu schaffen – ohne Bedingung (!) – denn nur auf dieser Grundlage kann sich eine Gesellschaft entwickeln, die sich um anderes kümmert als um Konsum und Existenzsicherung. Das wäre die Aufgabe einer Aufklärung 2.0 vor der wir heute weltweit stehen. Gerechtigkeit und Gleichheit für alle auf wirtschaftlicher Basis u.a. in Form eines Grundeinkommens und einer Grundversorgung. Erst dies ermöglicht es Menschen sich selbst zu entdecken, zu entfalten und echte subjektive Freiheit zu erlangen. Die individuelle Freiheit würde sich dann darauf richten, Möglichkeitsräume zu erschaffen, in dem der Mensch seine Fähigkeiten und Begabungen, seine soziale Kompetenz und zwischenmenschliche Empathie, sein Bedürfnis zu erschaffen und zu gestalten maximal entfalten könnte. Im Sinne von Kropotkin: „Die Freiheit der einen fängt da an, wo die Freiheit der anderen beginnt.“

Eine Postwachstumsbewegung, die sich ernsthaft mit einer gesellschaftlichen Alternative zum Status quo befasst, muss dieses im Blick haben. Solange sie ihre Kreativität lediglich für kleine wirtschaftliche Korrektürchen in Experimentierräumen benutzt und dabei die Eigenreflektion und das Denken, Forschen und Experimentieren im eigenen, persönlichen Sein und in den großen Zusammenhängen außen vor lässt, bleibt sie eine Spielwiese der gutausgebildeten Jungen, die ein bisschen Aufstand proben, bis sie ihren Platz im herrschenden System einnehmen oder sich in Ökodörfern vom Rest der Welt abschotten.

Peter Bieri bringt es in seinem kleinen Bändchen „Wie wollen wir leben?“ auf den Punkt:

„Ich würde gern in einer Kultur leben, in der Selbstbestimmung, wie ich sie beschrieben habe, ernster genommen würde, als sie es in unserer Gesellschaft tatsächlich wird. Zwar gelten das Handeln aus Gründen und die Freiheit der Entscheidung als hohe Güter. Doch wenn es um die komplexeren Formen der Selbstbestimmung geht, sieht es anders aus. Kritischer Abstand zu sich selbst; das Ausbilden differenzierter Selbstbilder und der schwierige, nie abgeschlossene Prozeß ihrer Fortschreibung und Revision; wachsende Selbsterkenntnis; die Aneignung des eigenen Denkens, Fühlens und Erinnerns; das wache Durchschauen und Abwehren von Manipulation, wie unauffällig auch immer; die Suche nach der eigenen Stimme: All das ist nicht so gegenwärtig uns selbstverständlich, wie es sein sollte. Zu laut ist die Rhetorik von Erfolg und Mißerfolg, von Sieg und Niederlage, von Wettbewerb und Ranglisten – und das auch dort, wo sie nichts zu suchen hat. Die Kultur, wie ich sie mir wünschte, wäre eine leisere Kultur, eine Kultur der Stille, in der die Dinge so eingerichtet wären, daß jedem geholfen würde, zu seiner eigenen Stimme zu finden. Nichts würde mehr zählen als das; alles andere müßte warten.“ (Quelle: Peter Bieri „Wie wollen wir leben?“, dtv, 5. Aufl. 2014, S. 33/34)

 Die Verteidigung westlicher Werte und die Notwendigkeit der Selbstkritik

Das Drama der Freiheit weiterschreiben

Um sich aber der Objektivierung der subjektiven Freiheit widmen zu können, müssen die bereits erkämpften Freiheitswerte bewahrt, erhalten und verteidigt werden – und zwar gegen ihre Angreifer von Außen und von Innen. Die antimoderne Strömung wird stärker und lauter. Menschen auf einem hohen Lebensstandard in offenen Gesellschaften haben sich an die Freiheit gewöhnt, sie ist ihnen nichts mehr wert. „Gefährdet ist die Moderne immer dann, wenn ihre Selbstkritik den Grundwert der Freiheit ins Visier nimmt, der nicht zur Debatte stehen kann, wenn sie eine Zukunft haben soll. Alles fällt auseinander, die Moderne verliert ihre Richtung und die Menschen ihre Verständigungsmöglichkeit, wenn die Klarheit darüber verschwindet, worum es im Kern geht.“ (Schulze, S. 81) Das Drama der Freiheit besteht eben auch darin, dass es keine Beständigkeit gibt. Entwicklung, Fortschritt verlässt den Raum des Zustandes – die Welt ist in ständiger Bewegung. Traditionen lösen sich auf, wenn Neues am Horizont auftaucht, das moderner, zeitangemessener scheint als das alte. Ständig waltet der Zweifel – eine Form der Selbstkritik. Der Zweifel selbst ist aber schon Ausdruck einer freien Gesellschaft. In einem festen Ordnungssystem, wie es autoritäre Staatsgefüge und die Religionen bieten, ist der Zweifel nicht erwünscht, nicht erlaubt. Lucifer wurde aus dem Himmel gestürzt, weil er an Gott zu zweifeln wagte. Etymologisch hängen Teufel und Zweifel eng zusammen. So fällt eine Orientierung schwer – ganz anders als im Glauben.

Die Fundamentalkritik hält schon die objektive Vermehrung und den subjektiven Gebrauch der Freiheit an sich „für unmoralisch, schädlich, gottvergessen, menschenfeindlich und würdelos“. Für die christlichen Religionen ist der Mensch schlecht und kommt nur durch einen ständigen Kampf gegen sich selbst zu Gott. Aus der Mißbilligung des Menschen entwickelte sich die Mißbilligung der Freiheit. Im Islam gäbe es zwar keine Erbsündenlehre – der Mensch sei von Natur aus gut, aber er könne sich versündigen. Als Sinnbild der Versündigung steht der Westen mit seiner Libertinage. Nach Schulze gibt es zwei Motive, die beide Religionen darin bekräftigt haben, die Freiheit als Sünde und nicht als göttliches Gebot zu sehen: Der Neid und die Angst vor Leere. Um die Ungleichheit auszuschließen – die in freien Gesellschaften (wie sie bislang ihren Ausdruck fanden) Wegbegleiter ist -, müssen alle gleich arm sein und in Sack und Asche gehüllt gehen. Damit soll der Stachel des Neides, der den Attraktiveren, Klügeren, Vermögenderen gilt – gezogen werden. Die Leere resultiert aus der Orientierungslosigkeit innerhalb der subjektiven Freiheit. Menschen, die mit der Freiheit nichts anfangen können, betrachten die immer größer werdenden Wahlmöglichkeiten als Bedrohung. Der Begriff der Sünde befreie von Optionen. Sünde heißt weniger, weniger heißt Orientierung, Orientierung heißt Seelenfrieden. „Vormoderne bedeutet Gewißheit und versorgte Unterordnung. Und umgekehrt: Moderne bedeutet Ungewißheit und die Mühen der Freiheit.“ (Schulze, S. 97)

Selbstkritik und Abwehr der Fundamentalkritik sind die beiden argumentativen Formen der Selbstvergewisserung der Moderne. Sie klären die Verhältnisse, bewegen aber nicht die Herzen. Es ginge also darum Geschichten zu erzählen – Geschichten eines gelungen Lebens – Bilder, die zwischen Werten und Handeln vermitteln – Literatur, Theater, Kunst – als Übersetzungsangebote von normativen Grundentscheidungen einer Kultur der Moderne. Seit dem 20. Jahrhundert – nach dem Zusammenbruch der totalitären Systemen – rückt der Zwang der Gesellschaft, der Zwang von außen – immer mehr in das Individuum selbst. Es geht um einen guten Gebrauch der Freiheit – wozu die Selbstbegrenzung, die Selbsteinschränkung gehört. Die äußere Konfliktlinie verlagert sich nach innen: Aus einem „Du sollst nicht!“ muss ein „Ich will nicht!“ werden. Das Drama der Freiheit setzt sich im 21. Jahrhundert fort. „Das große Thema der kommenden Phase der Moderne heißt Reifung: Integration des scheinbar Widersprüchlichen, Selbstbewußtsein ohne imperiale Attitüde, Selbstannahme bei aller Selbstkritik, Entschlossenheit im Grundsätzlichen. … Sie kann scheitern oder vorankommen; sie kann den anstehenden Schritt, die Objektivierung des Subjektiven angehen (soweit möglich und sinnvoll) oder in der Pubertät unartikulierter Selbstverwirklichung verharren; sie kann Angst vor der eigenen Courage bekommen oder sich zum verschwommenen sichtbar werdenden nächsten Horizont voran wagen: zu gemeinsamen Erfindungen des gelingenden diesseitigen Lebens…“ (Schulze, S. 102)

 Postwachstum und westlicher Wertekontext

Das Erlernen von Freiheit, kritischem Denken und Lebenskunst in den Mittelpunkt rücken

Was heißt das übertragen auf eine zu etablierende Postwachstumsgesellschaft? Auf jeden Fall die Erweiterung des Spektrums. Derzeit ist die Postwachstumsbewegung eine reine Wirtschaftsbewegung. Sie redet zwar viel von Zeitsouveränität, Bon Vivre, Konsumverweigerung und einem anderen zwischenmenschlichen Umgang. Fakt jedoch ist, dass sich der Radius sehr eng im Experimentalfeld neuer Konsum- und Marktnischen bewegt. Ein Ausdruck dafür ist das neue Buch von Günter Faltin, „Wir sind das Kapital. Erkenne den Entrepreneur in dir. Aufbruch in eine intelligente Ökonomie“, erschienen im Murmann Verlag. Hier schreibt die Postwachstumsbewegung nur fort, was in dem doch so verachteten Kapitalismus begann: sie bleibt in der Durchökonomisierung der Welt stecken. Schon Wolf Lotter „Zivilkapitalismus – Wir können auch anders” forderte, dass sich die Sozialbewegten mehr um ihre wirtschaftlichen Belange kümmern müssten. Über das Buch von Günter Faltin schreibt das alternative Wirtschaftsmagazin „Enorm“ : „Unsere Gesellschaft braucht Entrepreneure, die helfen, die Probleme einer Welt zu lösen, die derzeit auf Konfrontationskurs mit den Möglichkeiten dieses Planeten liegen.“ Er regt an, darüber nachzudenken, was wäre, wenn zehn Prozent der arbeitenden Bevölkerung innovative Entrepreneure wären – diese könnten wohl alle aktuellen Probleme der Menschheit lösen. Es bleibt zu hoffen, dass Günter Faltin mit seinem Buch zu diesem Aufbruch beitragen kann.“ Zunächst ein schöner Gedanke – so scheint es. Aber als Vision nichts anderes als das, was schon auf der Vision Summit 2014 dargeboten wurde. Was würde das denn für eine Welt werden? Eine Welt bestehend aus lauter Eigen- und Innovationsselbstständiger. Menschen, die sich überwiegend um wirtschaftliche Belange und Konsum – wenn auch einen nachhaltigen – kümmern. Überall lauter kleine Entrepreneure – das ist die Ausgestaltung des Neoliberalismus in seiner reinsten Form. Aber sollte es in einer künftigen Postwachstumsgesellschaft nicht vor allem um das gute Leben und die freie Entfaltung des Menschen gehen? Sollten nicht eigentlich andere Werte, Motive, Ziele der Menschen in den Mittelpunkt rücken, als sich weiterhin um Konsum und Arbeitsbedingungen zu kümmern? Durch eine vernünftige Organisation, einer Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums und der Wiederaneignung von allen kostenlos zugänglichen Gemeingütern (Commons) sollte es möglich werden, eine Grundversorgung für Alle zu installieren. Aufklärung 2.0 bedeutet auch die Überwindung der ökonomischen Ausrichtung zugunsten einer Gesellschaft, in der die Selbstentfaltung, das kreative Potenzial, die individuelle Freiheit, der Ausbau sozialer Räume und Kommunikationsmittel, das gesellschaftliche Miteinander, der Schwerpunkt auf Generationenaustausch, das Kümmern und Sorgen in den Mittelpunkt rückt. Die Kritik am Wachstum ist eine Fundamentalkritik – sie rüttelt am Fundament der gegenwärtigen Weltordnung – am Kapitalismus schlechthin. Sozialismus und Kommunismus haben sich als keine guten Alternativen erwiesen. Also muss es bei einer Erneuerung der Gesellschaft – einer Fortschreibung der Aufklärung und des Projekts Freiheit – um mehr gehen als um wirtschaftliche Belange. Es geht darum den Menschen selbst in den Mittelpunkt zu rücken – das Projekt „Mensch“ anzugehen, der für eine begrenzte Zeit diese Erde bevölkert, bevor er wieder in den entropischen Zustand zerfällt, aus dem er kommt. Woher nehmen wir denn die Annahme, dass die Aufgabe des Menschen sich darin erschöpft, sich über innovative Produktionsbedingungen und guten Konsum Gedanken zu machen? Die Existenzsorge des Menschen war der Ausgang der Menschheitsgeschichte. Wir leben im 21. Jahrhundert – in einer aufgeklärten Zeit! Sollte es innerhalb der Postwachstumsbewegung nicht auch um die Überwindung der Sorge des Menschen um seine wirtschaftliche Existenz gehen? Solange wir diese Gedanken nicht in den Mittelpunkt rücken, sind wir von einer Postwachstumsgesellschaft meilenweit entfernt. Die Aufgabe einer politischen Postwachstumsbewegung mit gesellschaftlicher Sprengkraft hat mehrere Bereiche zu bewältigen:

  1. Als Ausgangspunkt muss die Freiheit stehen. Zur Freiheit des Individuums und den nötigen Rahmenbedingungen, diese Freiheit wahrnehmen zu können, darf es keine Alternative geben. Das bedeutet aber auch, dass es kein Zurück geben darf. Zurück bedeutet auch das Erstarken religiöser und spiritueller Strömungen in den verschiedenen Ausrichtungen. Bevor Erdogan an die Macht kam, war die Türkei ein laizistischer Staat. Der Islam und das Bekenntnis zu ihm hatten im öffentlichen Raum nichts zu suchen. Auch Frankreich ist ein laizistischer Staat. Deutschland ist es nicht – Deutschland ist säkular, aber nicht laizistisch. Eine Grundforderung, die zu einer aufgeklärten Postwachstumswelt gehört, muss also auch darin bestehen, Deutschland zu einem laizistischen Staat zu machen. In einer aufklärten Welt muss Religion zu einer zwar berechtigten, aber privaten Angelegenheit werden. Es kann nicht sein, dass religiöse Verbände soziale und politische Aufträge ausführen. So hat kürzlich der kirchliche Träger „Brot für die Welt“ einen „Referenten für sozial ökologische Transformation“ gesucht und diese gesellschaftlich relevante Aufgabe nur religiösen Bewerbern zugestanden. Der Diakonische Auftrag, zu dem man sich bekennen muss, orientiert sich an der Bibel, handelt im Auftrag der Nachfolge Jesu und ist im Heiligen Geist lebendig. Quelle: http://www.diakonie.de/leitbild-9146.html Menschen, die der Religion fernstehen – z.B. auch Bürger der ehemaligen neuen Bundesländer -, werden von einer wichtigen Transformationsarbeit von vorneherein – trotz entsprechender fachlicher Qualifikation – ausgeschlossen. Das ist Diskriminierung und sollte in unserer politisch-korrekten Zeit, in der jüngst selbst das Weihnachtsfest als diskriminierend empfunden wurde, dringendst geahndet und abgeschafft werden. Mögen die Kirchen für ihre Sachbearbeiter-Positionen ausschließlich Menschen mit dem entsprechenden Glauben rekrutieren. Aber in Bereichen, in denen es um weltweite gesellschaftliche Aufgaben geht, darf Religion – egal welcher Couleur – keine Rolle mehr spielen. So haben auch in den Schulen weder Religionsunterricht noch Beträume irgendetwas zu suchen, weder Kopftücher noch Kreuze. Der öffentliche Raum muss religionsfrei werden, wenn das Projekt Aufklärung, Moderne und Freiheit weitergeschrieben werden soll.
  1. Zum Projekt Postwachstum und Aufklärung 2.0 gehört es, den nötigen Raum und die nötige Zeit zu schaffen, sich mit der Objektivierung der subjektiven Freiheit zu beschäftigen. Dazu gehört es Räume, Gesprächskreise, Kongresse und Seminare zu etablieren, in denen es möglich wird, sich das kritische Denken anzueignen, zu lernen eigene Gedanken zu denken, sich die persönliche Lebenszeit bewusst wieder anzueignen, die verschiedenen Wege der Lebenskunst zu erproben und sich den Fragetechniken zur Selbsterkundung auf philosophischer Basis in Form des Dialogs zu widmen. Dies muss langfristig wesentliche Aufgabe öffentlicher Einrichtungen werden.
  1. Ein wesentlicher Punkt einer Postwachstumsbewegung muss es auch sein, sich mit dem Thema Demokratieentwicklung zu beschäftigen. Die Demokratie steckt gerade mal in den Kinderschuhen. Die repräsentative Demokratie mit den alten Volksparteien nähert sich ihrem Ende. Die Wahlbeteiligung wird immer geringer, die Parteien erfüllen nicht mehr den Auftrag, für den sie vom Volk gewählt wurden. Sie bandeln mit der Wachstumswirtschaft, den Banken und einer scheinbaren globalisierten Wettbewerbs-Alternativlosigkeit. Die Volksparteien sind genauso veraltet wie das alte Wachstumswirtschaftssystem des immer Schneller, Höher, Besser. Es ist höchste Zeit sich mit dem Projekt der Demokratieweiterentwicklung zu befassen, bevor reaktionäre Kräfte und die Angriffe gegen die Freiheit von allen Seiten das System aushöhlen und unterwandern.
  1. Die Umgestaltung der Wirtschaft hin zu einer Weltversorgungsmaschinerie der Grundbedürfnisse ist durchaus machbar. Längst sind die technischen und organisatorischen Möglichkeiten vorhanden, um den Hunger zu bekämpfen und die Menschen zu ernähren. Das dies nicht geschieht, liegt an den Machtverhältnissen. Eine Änderung ist nur durch den klassischen Klassenkampf zu erzielen. Wobei es diesmal nicht um die Arbeiterklasse gegen das Kapital geht, sondern um den Kampf der abgehängten und prekarisierten Masse der Menschen eines Staates gegen die globale wirtschaftliche und politische Klasse und die Banken. Die diffusen Forderungen einer noch diffuseren Bewegung von Unzufriedenen, was sich derzeit noch in einem grundsätzlichen Dagegen und einer spirituellen Revolution äußert, braucht Visionen, Inhalte und Ziele eines besseren Morgens.

Eine politische Postwachstumsbewegug, die das Projekt Aufklärung und Freiheit weiterschreiben will, muss sich mit all diesem befassen, um wirklich zu einer ernstzunehmenden Bewegung zu reifen und einen Transformationssprung vollziehen zu können. Es geht um weit mehr als um kleine wirtschaftliche Korrekturen, einen euphorischen WIR-Hype von Social-Entrepreneurs und die Sehnsucht nach einem harmonischen Zurück in alte Dorfgemeinschaften. Fangen wir endlich an uns zusammenzuschließen, zu organisieren und an diesen großen Aufgaben zu arbeiten. Thomas Piketty schreibt: „Es waren die Kriege, die im 20. Jahrhundert tabula rasa mit der Vergangenheit gemacht und einen Strukturwandel der Ungleichheit gezeitigt haben. Aber zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheinen längst vergangen geglaubte Vermögensungleichheiten sich anzuschicken, ihre historischen Höchststände wieder zu erreichen, ja zu übertreffen – im Rahmen einer neuen Weltökonomie, an die sich ungeheure Hoffnungen knüpfen (das Ende der Armut), aber auch die Aussicht auf Ungleichgewichte, die nicht minder ungeheuer sind (Individuen, die so reich wie ganze Länder sind). Lässt sich für das 21. Jahrhundert eine Überwindung des Kapitalismus denken, die weniger gewaltsam und zugleich nachhaltiger wäre – oder muss man auf die nächsten, diesmal wahrhaft globalen Weltkrisen oder Weltkriege warten?“ (Thomas Piketty, „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, C.H. Beck, S. 627)

Noch ist keine Bewegung in Sicht, die auch nur ansatzweise die Kraft hätte, eine gelungene Transformation von unten anzuschieben. Die Akteure verzetteln sich in tausend kleinen Projekten, in ihrem Nischendasein, in Artikulationen, die sich vor allem im Dagegen-Sein ausdrücken. Zu wenig ist das global Ganze im Blick – eine tatsächlich neue Weltordnung, die die oben beschriebenen Stichpunkte zusammenführt. Es braucht Verbündete – Verbündete, die nicht unbedingt im eigenen Lager und mit der Aufschrift „Postwachstum“ auf der Stirn herumlaufen. Wichtige Verbündete könnten Freiheits-Autoren wie Necla Kelek, Seyran Ates, Hamed Abdel Samad sein – Menschen, die wirklich noch im Sinne von Gerhard Schulze voller Inbrunst für die Freiheit eintreten. Vielleicht wäre auch Michael Schmidt-Salomon ein geeigneter Verbündeter, die mit seiner Giordano-Bruno-Stiftung für einen laizistischen Staat eintritt. Als wichtige Lebenskunst-Philosophen wären Wilhelm Schmid und Peter Bieri zu nennen. Und schließlich die wirtschaftlichen Postwachstumsvor- und Selbst-Denker Harald Welzer und Niko Paech, um nur einige aus dem Reigen einer zu etablierenden Postwachstumsbewegung zu nennen. Fangen wir endlich an politisch zu werden und in mehr als wirtschaftlichen Belangen zu denken!

Quellen und Weiterführendes:

Bücher:

Ulrike Ackermann Hrsg. „Welche Freiheit – Plädoyers für eine offene Gesellschaft“, Gerhard Schulze: „Das Drama der Freiheit“, S. 62 – 106

Thomas Piketty „Das Kapital im 21. Jahrhundert“

Michael Hardt / Antonio Negri „Empire – Die neue Weltordnung“

Michael Hardt / Antonio Negri „Demokratie! Wofür wir kämpfen“

Akademie Solidarische Ökonomie (Hrsg.) Harald Bender, Norbert Bernholt, Bernd Winkelmann „Kapitalismus und dann? Systemwandel und Perspektiven gesellschaftlicher Transformation“

Harald Welzer „Selbst Denken – Eine Anleitung zum Widerstand“

Michael Schmidt-Salomon „Manifest des evolutionären Humanismus – Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur“

Wilhelm Schmid „Philosophie der Lebenskunst – Eine Grundlegung“

Peter Bieri „Wie wollen wir leben?“

Links

Wie wollen wir leben? Die größte Herausforderung auf dem Postwachstumsweg!
http://blog.postwachstum.de/wie-wollen-wir-leben-die-groste-herausforderung-auf-dem-postwachstumsweg-20120718/comment-page-1#comment-46759

 

Peter Kropotkin: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt
http://de.wikipedia.org/wiki/Gegenseitige_Hilfe_in_der_Tier-_und_Menschenwelt

 

Videos

Philosophie Freiheit Arte 1.
https://www.youtube.com/watch?v=mdIU47WgOEw

Befreiung vom Überfluss, Teil 1: Vortrag Niko Paech
https://www.youtube.com/watch?v=JFck2n-nM2E

Prof. Dr. Wilhelm Schmid – Selbstgestaltung und Lebenskunst
https://www.youtube.com/watch?v=c9FpwRZYVXc

 

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