Arbeit – Sinn des Lebens

„Paris-Berlin, die Debatte“ versucht, die kulturelle Dimension von Arbeit zu erfassen, der sozialen Komponente von Arbeit gerecht zu werden und den Begriff von Arbeit neu zu füllen, der über reine Erwerbstätigkeit hinausgeht. Liegt die dazu passende Utopie vielleicht genau in jenem Bereich zwischen der Befreiung von der Arbeit und der Erfüllung in der Arbeit?“

https://www.youtube.com/watch?annotation_id=annotation_141153&feature=iv&src_vid=1YeBP33W-UI&v=u2ohyUl_i3k

Baumstamm mit BeilGestern habe ich zufällig auf You-Tube diese alte Arte-Aufzeichnung von 2009 gefunden, die so interessant ist, dass ich gern an dieser Stelle darauf hinweisen möchte. Gesprächspartner sind der Politologe Paul Aries, Anhänger der französischen Wachstumsrücknahme-Bewegung (Décroissance) – vielleicht vergleichbar mit unserer Postwachstumsbewegung, von dem ich leider, leider keine deutsche Veröffentlichung gefunden habe, die französische Soziologin Dominique Médas, die ein Buch geschrieben hat „Arbeit, ein aussterbender Wert“, leider auch nur auf Französisch erschienen, die Unternehmerin und Vorsitzende eines Unternehmerverbandes Sophie de Menthon und der deutsche Philosoph Daniel Tyradellis und Kurator der Ausstellung „Arbeit. Sinn und Sorge“ (2009/2010) im Hygienemuseum von Dresden. Durch die Sendung führt die äußerst charmante Moderatorin Isabelle Giordano. Selten habe ich so eine brillante, charmante, blitzgescheite und schnelle Debatte über das Thema Arbeit in all seinen Facetten gesehen, gehört. Es ist ein intellektuelles Feuerwerk an Inspirationen und Ideen, nach dem man sich in den deutschen Talkshows nur sehnen kann. Es ist, als wenn sich die Gesprächspartner die Bälle gegenseitig zuwerfen, zurückwerfen, kurz festhalten, aber auch schnell wieder abgeben. Es sind gegensätzliche Positionen, die mit einem unglaublichen Charme und fast wie ein Flirt ausgetragen werden. Man hört einander interessiert zu, entgegnet, stimmt zu, lacht über die Gegensätze. Eine unglaublich leichte spielerische, wertschätzende Art, mit der hier eine so geistreiche, ernste Debatte in einem unglaublichen Tempo und in einer gleichzeitigen Tiefe und Vielschichtigkeit geführt wird, wie es wahrscheinlich nur die Franzosen können! Dagegen wirkt Daniel Tyradellis blass, unbeholfen, eckig und irgendwie ein bißchen fehl am Platze. Man sieht ihm an, dass er intellektuell überfordert ist – das merkt man auch daran, dass er mal vergisst, was er eigentlich sagen wollte, dass er häufig die Kernaussagen nicht zu verstehen scheint, dass er Einwürfe bringt, die nicht so recht zum Thema passen wollen und dass er Positionen vertritt, wo ich mich frage, ob er sich mit den Themen Veränderung der Arbeitsgesellschaft, Grundeinkommensdebatte, Unzufriedenheit in der Arbeitswelt überhaupt auseinandergesetzt hat. Wie hat er seine Ausstellung organisiert? Wie noch bereichernder hätte die Diskussion sein können, wenn dort jemand gesessen hätte, der die unterschiedlichen Positionen und die Stimmung in Deutschland vielschichtiger, breiter und tiefer vertreten hätte. Sehr schade, dass hier Chancen eines echten völkerverständigenden Austausches über einen Paradigmenwechsel verschenkt wurden.

Ein paar Statements aus dem Film:

Paul Aries: „Die Geschichte der Arbeit ist eine Geschichte der Beraubung. Zuerst hat man die LaterneArbeiter ihres Werkzeugs beraubt, dann eines Teils der Mehrarbeit, also des Profits, anschließend der Kultur, der traditionellen Kenntnisse und heute möchte man sie noch des Sinns der Arbeit berauben.“

„Wir müssen endlich unser Vorstellungskraft entkolonialisieren. Diese großen Wörter abschaffen, die uns davon abhalten, die wahren Fragen zu stellen.“

„Man kann heutzutage nicht die Frage nach der Arbeit stellen, ohne auch die Frage nach der Umweltsituation zu stellen. Das heißt, kann man immer noch mehr produzieren, kann man immer noch mehr arbeiten oder müssen wir im Gegenteil lernen, genügsamer zu leben? Also auch etwas anderes zu machen als zu arbeiten? Das Recht auf Freizeit – das Recht auf Faulheit scheint mir eine durchaus interessante Alternative zu sein.“

„Deshalb müssen wir heute nicht eine größere Kaufkraft fordern, sondern ein garantiertes Einkommen. Das heißt jeder darf genügsam, aber abgesichert leben und Dank dieses garantierten Einkommens können wir die anderen Facetten unserer Persönlichkeit entwickeln.“

„Ein Obdachloser, der eine Zeitschrift verkauft, beruhigt die Gesellschaft. Anstatt falsche Arbeitsplätze zu schaffen, zahllose unsinnige Praktika zu machen oder den Schulbesuch, der zu nichts führt, zu verlängern, sollte man lieber die Vorstellungskraft entwickeln und die Arbeit nicht mehr zum Mittelpunkt unseres Daseins machen.“

„Es besteht ein riesiger Unterschied zwischen der Tatsache Aktivitäten auszuüben und schlicht und einfach seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen.“

„Wir müssen heraus aus dieser Arbeitsgesellschaft, die eigentlich nur ein paar Jahrhunderte alt ist und hinkommen zu einer neuen Art der Gesellschaft.“

GefässeDominique Médas: „Im Grunde genommen wurden erst im 18. Jahrhundert eine gewisse Anzahl von Tätigkeiten als Arbeit zusammengefasst und man fasst sie zusammen als Tätigkeiten, die Mittel zu einem anderen Zweck sind. …. Und Adam Smith sagt: Arbeit ist eine Anstrengung, ein Leiden, eine Unzweckmässigkeit…Im 19. Jahrhundert galt Arbeit als schöpferische Freiheit. Mit Arbeit verändere ich die Welt – das ist Hegel, das ist die ganze, große deutsche Philosophie – ich verändere die Welt, in der ich mich befinde und verändere mich selbst auch. Und dann verbirgt sich hinter dem Begriff der Arbeit noch ein System der Verteilung von Einkommen, Rechten und Schutz. Das sind drei gänzlich unterschiedliche Bedeutungen. … “

Sophie de Menthon: „Man sollte Intellektuelle nie mit Streichhölzern spielen lassen. Sie sagen Dinge, die jeweils für sich genommen, intelligent sind. Aber gleichzeitig ergeben sie aneinandergereiht als Ganzes eine Art surrealistische, ideologische Argumentation, die nichts mit dem Leben zu tun hat. …. Im Schweiße Deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Es gibt also diese Vorstellung seinen Lebensunterhalt verdienen. Es ist eine sehr schöne Formulierung, weil sie zu einem den Verdienst, den finanziellen Verdienst beinhaltet, aber auch das Leben, das unterhaltend erfüllt werden muss. …. Aber neben diesem Minimaleinkommen, dass wir übrigens auch den Entwicklungsländern garantieren wollen, muss es doch auch Leute geben, die einen gewissen Wohlstand schaffen, der dann aufgeteilt wird. Man kann aber nur Wohlstand schaffen, wenn man Lust am unternehmerischen Schaffen hat oder wenn man der Verlockung des Geldes folgt.“

„Wir haben einen Klassenkampf und dieser Klassenkampf findet heute im Unternehmen statt.“

„Ich habe ein großartiges Beispiel von einem Mann, der der Wachstumsrücknahme sehr positiv gegenüber stand. Er bettelt neulich am Gare du Nord. Ich hatte einen EURO, den wollte ich ihm geben und sagte: „Hier bitte, seien Sie doch so nett und tragen Sie mir meinen Koffer nach oben.“ Er gab mir meinen EURO zurück – ich finde das wunderbar – und sagte: „Ich bin Bettler und kein Diener.“ Ich fand das außergewöhnlich, denn das kann nur in Frankreich passieren. Er war Bettler und war zufrieden damit. Die Tatsache, ihm dieses Angebot zu machen, hatte schon etwas gewalttätiges an sich. … Ich fand das sehr sympathisch.“

Daniel Tyradellis: „Also ich finde, diese Diskussion hier hat eine enorme Geschwindigkeit, die aber Tellervor allem dazu dient, von den Problemen abzulenken und immer zum nächsten zu hopsen. Und gerade seit einigen Jahren dieser Ökodiskurs und die Globalisierung und die Finanzkrise und dann vor allem auch die Probleme mit dem Klima. Das ist so eine riesige Moralkeule, die auf alles reinschlägt, das da ist. Ich finde schon erstmal wichtig festzuhalten, dass der historische Blick auf Arbeit sicherlich immer viel eröffnet, man sieht mehr, man sieht anderes, aber der normale Mensch, der heute zur Arbeit geht, egal in welcher Form, dem ist das vollkommen schnurzpiepegal, wie die Arbeit im 14. Jahrhundert von Pfarrer soundso gesehen wurde. Diese Ausstellung, die wir das in Dresden gemacht haben, versucht überhaupt erstmal wieder ein Gefühl dafür zu eröffnen, was Arbeit für Menschen bedeutet. … Wir wollten zeigen, wie Arbeit heute ist. … Wir haben versucht mit Hilfe des Mediums Film näher in den Begriff der Arbeit hineinzukommen. Das heißt man sieht etwa fünf Menschen, einen Gärtner, einen Manager, einen Künstler … aus fünf Perspektiven gleichzeitig bei der Arbeit und man kann sich als Besucher da rein setzen und wird immer mehr hinein gesaugt in diesen Kosmos, in dem dieser Mensch sich bewegt. In der Arbeit wird man durch das Gefüge, in dem man ist, zu einem Teil von etwas anderem und bildet sich dort als Persönlichkeit heraus und das finde ich einen ganz, ganz wichtigen Wert der Arbeit. … Der Wunsch anerkannt zu werden in seinem Leben … vor allem geht es um die Anerkennung und wenn ich die bekomme in meinem Tun, dann kann ich auch in meiner Arbeit Befriedigung haben und das muss nicht am Geld hängen, das muss nicht an Macht hängen, das hängt vom sozialen Zusammenhang ab, in dem man auch Tätigkeiten, die nicht mit viel Macht und viel Geld versehen sind, eine große Anerkennung zollt. Und da ist viel zu arbeiten. Punkt.“

Paul Aries: „Laut einer der letzten OECD-Studien werden wir im 21. Jahrhundert 20% qualifizierte und gut bezahlte Arbeitsplätze haben und 80% nicht qualifizierte, schlecht bezahlte Berufe, die sogenannten Hilfsberufe. Das ist die Rückkehr zur Dienerschaft. Ins 19. Jahrhundert!“

Daniel Tyradellis: „Ich glaube schon, dass das Leiden an der Arbeit in Deutschland schon da ist, aber es wird häufig als ein Verrat am Staat begriffen, das auch laut zu sagen. Das hat sicher auch historische Gründe.“ Ach ja? 😉

„Der Punkt, der wirklich wichtig ist, bei diesem Mindesteinkommen …. den habe ich jetzt vergessen…“

Unbedingt angucken!!!!

https://www.youtube.com/watch?annotation_id=annotation_141153&feature=iv&src_vid=1YeBP33W-UI&v=u2ohyUl_i3k

Und vielleicht gibt es ja da draußen in den Weiten des Cyberspaces jemanden, der bessere Sprachkenntnisse hat als ich und diesen tollen Franzosen sagt: Hey, wir sind auch da! Wir haben natürlich auch eine Debatte übers Grundeinkommen, sind postwachstumsbewegt und wollen die Arbeitswelt verändern. Die Aufzeichnung ist von 2009 – seit dem gab es vielleicht doch schon die eine oder andere Völkerverständigung, die das merkwürdige, einseitige Deutschlandbild von Tyradellis korrigiert hat. Oder auch nicht. Denn auf der Degrowth 2014 waren weder Paul Aries, noch Dominique Médas. Und die Vertreter der Alternatiba-Bewegung in Frankreich waren eindeutig unterbesetzt, oder habe ich da was verpasst?

Schafft 10 – 100 – 1000 Alternatibas!

http://alternatiba.eu/de/

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