Energiewende in Bürgerhand

Wie das Recht auf Zugang die Eigentumsverhältnisse verändern könnte

SonnenuntergangStellen Sie sich vor, Sie könnten Ihren Strom mit Hilfe Ihres (Miet-)Hauses selbst erzeugen und von den Überschüssen sogar noch kostenlos Ihre Nachbarn mitversorgen. Und das, was Ihr Haus an Strom nicht selbst produzieren kann,  beziehen Sie über ein Kommune eigenes Elektrizitätswerk, das den Strom vollständig aus lokalen, erneuerbaren Energien produziert und an dem Sie ebenfalls genossenschaftlich beteiligt sind. Plötzlich wären Konzernriesen wie Vattenfall, RWE und EON überflüssig. Es gäbe keine intransparenten, mehr oder weniger anonymen Stromlieferungen mehr, von denen man nicht so genau weiß, ob sie Atomstrom oder Energie aus Kohlekraftwerken enthalten, ob die Lieferungen aus Russland oder Saudi-Arabien kommen oder sonst woher. Die Strompreise wären stabil und günstig und für jeden transparent einsehbar. Sie bestimmten selbst, welchen Strom Sie woher beziehen und vor allem, Sie sind als Genossenschaftler mit beteiligt an der Organisation, dem Verbrauch und der Gewinnung von Energie. Reine Utopie, sagen Sie? Nein, ist es nicht. Dass es möglich ist, zeigen kleine Gemeinden und Kommunen, die nicht lange gefragt haben, sondern einfach angefangen und sich die Stromversorgung angeeignet haben. So zum Beispiel der Pionier der Energiewende das Elektrizitätswerk Schönau im Schwarzwald, das nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl  aus einer 1986 gegründeten Bürgerinitiative hervorgegangen ist. Aus der Bürgerinitiative – den Stromrebellen – wurden 1994 die Elektrizitätswerke Schönau GmbH (EWS). Nach vielen Kämpfen, großem Engagement und Beharrlichkeit der Bürger von Schönau gelang es schließlich 1997 den Konzessionsvertrag mit der Stadt zu unterzeichnen. Heute sind die Elektrizitätswerke eine Genossenschaft, die bis zum Jahresende 2012 bereits 93 Mitarbeiter beschäftigt und bundesweit  mehr als 135.000 Privathaushalte, Gewerbebetriebe und Industrie-Unternehmen mit sauberem, atomfreien Strom aus erneuerbaren Energien versorgt. Was die Schwarzwälder Bürger erreicht haben, können auch andere Gemeinden erreichen. So stellt derzeit die Gemeinde Wörrstadt in Rheinland-Pfalz mit Unterstützung der Firma Juwi  auf erneuerbare Energien um. Erreicht werden soll das Ziel bis 2017. Der Unternehmer Matthias Willenbacher, Gründer der Firma Juwi und Autor des Buches „Ein unmoralisches Angebot an die Kanzlerin“ unterstützt Kommunen und Bürger dabei, ein von Importen unabhängiges und preisstabiles eigenes Energieversorgungsnetz ganz aus erneuerbaren Energien aufzubauen. Eine Firma , die dazu beträgt, dass möglichst schnell der Energiebedarf in vielen Regionen rein regenerativ erzeugt werden kann. Innovative auf das Gemeinwohl orientierte Ideen fördern auch eine neue Unternehmensphilosophie. Neben dem am gesellschaftlichen Wohl orientierten Unternehmensziel setzt die Firma auf soziales Engagement und Transparenz in der Mitarbeiter- und Umsatzentwicklung. Willenbacher ist neben dem verstorbenen SPD-Mann Hermann Scheer (Der energethische Imperativ) und dem amerikanischen Wissenschafts- und Bestsellerautor Jeremy Rifkin einer der wichtigsten Vordenker in Sachen Erneuerbare Energien. Wer mehr wissen will, der möge sich den im Jahre 2010 entstandenen Dokumentarfilm „Die 4. Revolution – ein Plädoyer für den globalen Umstieg auf erneuerbare Energien“ ansehen. Ein Film der Mut macht und aufzeigt, wie die Lösung vieler globaler Probleme mit dem Umstieg auf erneuerbare Energien einen Anfang nehmen könnte.

Hinter dem Wandel steckt eine Vision, die weit über die dezentrale Versorgung mit erneuerbaren Energien hinaus reicht. Eine Vision – die vom Industriezeitalter zur Wissensgesellschaft, von der repräsentativen Demokratie zur selbstbestimmten Zivilgesellschaft, vom Besitzstand wahrenden Eigentümer zum teilenden Zugangsnutzer führen kann. Denn wie könnten sich unsere Wirtschaft, unsere Politik und unser gesellschaftlichen Zusammenleben ändern, wenn die dezentrale Organisation in Bürgerhand funktioniert? Wenn auf jedem Dach eines Hauses eine Photovoltaik-Anlage installiert würde und sich im Keller zur Speicherung ein Mikro-Kraft-Wärmewerk, ein Blockheizkraftwerk oder eine Nachtspeicherheizung befände, die  – wie auf der Nordseeinsel Pellworm – 100% erneuerbare Energie speicherten? Andere Speichermöglichkeiten mit Wasserstoff, Redoxbatterien und Lithium-Akkus sind in der Entwicklung.

Mit dem Siegeszug des Internets in jeden Haushalt begann sich bereits Mitte der 80ziger Jahre die Eigentumsstruktur zu verändern. Noch jedoch geht es um geistiges, ideelles Eigentum. Musik, Filme, Literatur, Zeitungsartikel – Information im Allgemeinen lassen sich kostenlos aus dem Internet herunterladen. Auch wenn mit allen Mitteln versucht wird, die alte Eigentumsstruktur zu erhalten oder wieder herzustellen. Längst  jedoch zeigen sich neue Umfangsformen mit den Erzeugnissen des Geistes. Beispielhaft zu nennen sind hier die Freie Softwareentwicklung und das Betriebssystem Linux. Bereits im September 1983 gründete der amerikanische  Programmierer Richard Stallman das GNU-Projekt   mit dem Ziel, ein unixähnliches Betriebssystem zu schaffen, das sicherstellt, dass die Benutzer Vier Freiheiten haben: Software beliebig zu verwenden, zu untersuchen, zu teilen (kopieren) und zu modifizieren und auch die Modifikationen weitergeben zu können. Damit wollte er gewährleisten, dass die Nutzer unabhängig von Software-Produzenten wie Mikrosoft werden und die Software nach Bedarf umprogrammieren können. Im September 1991 dann stellte der Entwickler Linus Torvalds den Kernel des Betriebssystems Linux mit zu diesem Zeitpunkt 10.000 Zeilen Quellcode  ins Netz. Eine Software, die unter der GNU General Public License (GNU GPL) – den vier Freiheiten – fungiert. Schon kurz darauf begann die weltweite Netzgemeinde an dem neuen System zu arbeiten und es zu verbessern. Wissenschaft und Wirtschaft schreckten auf. Plötzlich war etwas möglich, was alle bisherigen Vorstellungen über die Erfindung und Entwicklung geistiger Produkte durcheinander brachte. Erstens war die Software nicht von einem Einzelnen oder einem Team hinter verschlossenen Türen vollständig bis zur Marktreife entwickelt worden und zweitens arbeiteten plötzlich die unterschiedlichsten Menschen weltweit kostenlos an der Entwicklung einer Software, verbesserten und perfektionieren sie und das alles ohne etwas nach herkömmlichen Maßstäben dafür zu bekommen. Und es funktionierte nach der Chaostheorie. Die Schwarmintelligenz konkurrierte mit dem Mikrosoftriesen auf gleicher Ebene. Das Projekt bekam gesellschaftliche und politische Relevanz. Initiativen begannen die Idee der freien Softwareproduktion auch auf andere Bereiche des Lebens, der Wirtschaft und der Arbeit zu übertragen. Besonders zu nennen die Gruppe Oekonux, die an einer neuen Gesellschaftsform auf Basis der freien Software arbeitete. Aufgrund der Eigentumsverhältnisse war es schwierig die Produktion von freier Software auf die Produktion von Hardware unter gleichen Bedingungen zu übertragen. So löste sich die Gruppe 2013 endgültig auf, die Texte sind jedoch weiter im Netz und warten auf Wiederbelebung. Dies könnte mit der Energiewende und der Entwicklung von 3-D-Druckern in greifbare Nähe rücken.

Mit der Energie in Bürgerhand würden sich die Eigentumsverhältnisse ähnlich wie in der Softwareproduktion und der Informationsaneignung durch Nutzung des Internets auf einem weiteren Gebiet verändern. Nachdem im Jahre 2009 das Patent auf das Schmelzschichtungsverfahren weggefallen ist, erfährt die Entwicklung von 3-D-Druckern für den Hausgebrauch eine ebenso explosionsartige Beschleunigung wie damals das Internet, das in jeden Haushalt Einzug hielt. Hier wird plötzlich etwas möglich, was Oekonux bis 2008 nur „geträumt“ hat. Es könnte nämlich schneller als gedacht möglich werden, dass Bürger neben ihrer eigenen Energieversorgung einen weiteren wichtigen Zugang erhalten: Den Zugang über 3-Druckern Produkte kostengünstig in ihrer Kommune selbst herstellen zu können. 2014 läuft zudem das Patent für die Laserinterung aus, das bedeutet, das nun auch Laser genutzt werden können, die zum Beispiel Metall schmelzen, so dass das Schichtungsverfahren nicht nur mit Plastik und Sand, sondern jetzt auch mit Metall geschehen kann. Dadurch wird ermöglicht, dass Bauteile, Werkzeuge, Möbel, Kleidung, ganze Häuser im Eigenbetrieb hergestellt werden können.

Vielleicht ist genau diese gesellschaftsverändernde (Spreng-)Kraft und Vision die große Angst, die viele Bremser – in Wirtschaft und Politik – verspüren. Eine Angst, die daraus resultiert, dass sich die Welt und die Besitz-, Eigentums und Machtverhältnisse schneller wandeln könnten als befürchtet. Der Umstieg auf erneuerbare Energien – dezentral und in Bürgerhand organisiert –  wäre ein Anfang in Richtung einer selbstbestimmtem Zivilgesellschaft. Das würde bedeuten, dass die großen zentralistischen Stromkonzerne überflüssig werden und mit ihnen der Import von fossilen Energieträgern, die Handelsabkommen mit den arabischen Ölscheichs und der millionenverschlingende Ausbau von Trassen über den ganzen Globus hinweg. Das wiederum bedeutet Macht- und Umsatzverlust, etwas, dem man sich nicht freiwillig unterzieht. So werden Ängste beim Bürger geschürt, die da heißen, dass die Energieversorgung aus erneuerbaren Energien nicht ausreichend ist, um ganze Städte zu versorgen, es (noch) keine genügenden Speicherkapazitäten für Wind und Sonne gäbe und dass die Bürger nicht in der Lage wären, ihren eigenen Strom zu produzieren, zu verteilen und zu verwalten. Die großen Riesen möchten weiterhin die Produzenten des Stroms bleiben. Deshalb ersinnen sie Projekte wie Desertec, schwimmende Photovoltaik-Anlagen auf den Meeren und die großen Offshore-Anlagen, bei denen sie ihre alte Unternehmensstrategie fortführen können: die zentralistische Versorgung mit Energie durch Import aus den südlichen Ländern über neu zu schaffende breite Transporttrassen, die neben den staatlichen Ausgaben (Steuergelder, die den Bau ermöglichen) vor allem hohe Gewinne für die Konzerne bedeuten. So ist auch der der Berliner Senat  – trotz der 600.000 Stimmen die im Volksentscheid für ein Stromnetz in Bürgerhand gestimmt haben – derzeit dabei, alles zu tun, um dieses Votum zu missachten. Der Berliner Bürgermeister, Klaus Wowereit, gab in einem Interview freimütig bekannt, dass er froh sei, dass der Volkentscheid und damit das „chaotische Projekt“ gescheitert seien. Anfang nächsten Jahres sollen die Kriterien für das Vergabeverfahren festgelegt werden. Still und heimlich – ohne Mitspracherecht der Bürger – soll über diese entschieden werden. Um dies zu verhindern, hat die Initiative Bürger-Energie Berlin gemeinsam mit dem BUND Berlin und den Oppositions-Fraktionen im Abgeordnetenhaus einen Appell gestartet, um den Druck auf den Berliner Senat zu erhöhen. Der Appell fordert den Berliner Senat auf, das Stromnetz nicht an Vattenfall zu vergeben und die Bürger/-innen zu beteiligen – sowohl bei der Vergabe des Netzes als auch dauerhaft. Wenn Sie an einer selbstbestimmten Zivilgesellschaft und an einem Netz in Bürgerhand mitarbeiten wollen, unterzeichnen Sie diesen Appell: https://www.openpetition.de/petition/online/stromnetz-ohne-vattenfall-buergerbeteiligung-jetzt

Weiterführende Links:

Gute Nachbarn – Starke Kommunen mit erneuerbaren Energien
www.kommunal-erneuerbar.de/de/kommunalatlas.html)

Hier finden Sie einen Überblick über bundesdeutsche Kommunen, die bereits auf erneuerbare Energien umgestiegen sind oder sich im Aufbruch befinden.

Bürger Energie Berlin
http://www.buerger-energie-berlin.de/das-ziel

Hier können Sie sich durch Mitarbeit oder durch den Kauf von Genossenschaftsanteilen an dem Kauf des Berliner Stromnetzes beteiligen

Berliner Energietisch
http://www.berliner-energietisch.net/

Eine Berliner Initiative, die sich für Energie in Bürgerhand einsetzt

100ee erneuerbare Energie Region – IdE – Institut dezentrale Energietechnologien
100ee.deenet.org

Das Projekt identifiziert, begleitet und vernetzt Regionen, Kommunen und Städte, die ihre Energieversorgung auf lange Sicht vollständig auf erneuerbare Energien umstellen wollen (100ee-Regionen). Derzeit gibt es bereits über 130 Landkreise, Gemeinden, Regionalverbünde und Städte in Deutschland, die dieses Ziel verfolgen – und es werden immer mehr. Das Projekt unterstützt engagierte Akteure in den Regionen durch Kommunikations-, Transfer- und Vernetzungsleistungen.

Die 3Echten.de – Tschüss Kohle und Atommacht
www.die3echten.de/dez_energiewende/node/15

Es gibt vielfältige Möglichkeiten die Energiewende voran zu bringen und zu beschleunigen. Hier finden Sie einige Informationen um weiter selbst bzw. zusammen mit den Nachbarn aktiv zu werden.

Energiewende-Party organisieren
www.die3echten.de/dez_energiewende/node/23

Einfach zusammen grillen und feiern, neue  Nachbarn kennen lernen und gemeinsam zu echtem  Ökostrom wechseln – Haus für Haus, Block für Block und Stadt für Stadt – jetzt!

Solar Server – Das Internetportal zur Sonnenenergie
www.solarserver.de/

Informationsreiches Internetportal rund um Sonnen- und Erneuerbare Energien

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